Freitag, 11. November 2016

(Un)Frei

Freiheit, sagst du, macht das Leben erst lebenswert.
Denn Freiheit, sagst du, kann verschlossene Türen öffnen, kann Hürden überwinden, Blockaden lösen, Fesseln durchtrennen.
Freiheit heisst für dich, das zu tun, zu denken, zu sagen und glauben, das du willst.
"Freiheit erlaubt mir, mich selbstzuverwirklichen und mein Leben eigenmächtig zu gestalten.
Deshalb sind glückliche Menschen immerzu auch frei. Unfreie Menschen, die sind höchstens zufrieden, sie kennen Glück nicht. Sie haben sich an ihre Unfreiheit angepasst, sich damit abgefunden. Oder sie sind unzufrieden. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: entweder, sie kämpfen für ihre Freiheit, entfesseln sich von all den Schranken der Gesellschaft, der Welt; oder aber sie geben auf und sind dann noch ärmer dran als jene, die sich zufrieden damit abgefunden haben. Unfreisein, das ist ein Leben als abhängige Marionette - ein grösseres Übel gibt es nicht, wenn du mich fragst."

Ob ich auch zu den Freiheitskämpfern gehören würde, fragst du mich dann.
Und ich antworte: "Es tut mir leid, dir diesbezüglich keine Aussage geben zu können, weil mein Verständnis von Freiheit unterschiedlicher nicht sein könnte: ich bin nicht frei. Für nichts aber danke ich mehr, als für meine Unfreiheit:
Denn Freiheit bedeutet Frei-Sein, Leer-Sein, Ohne-Sein. Und ohne Sein, das ist der Tod. Unfreiheit bedeutet Nicht-Ohne-Sein, Befüllt-Sein, Sein-Voll. Das ist das Leben."

Aber schliesslich kann das jeder (un-)frei für sich entscheiden...

Donnerstag, 6. Oktober 2016

Zug

Die Luft um mich, kühl stechend. 
Eisig durchströmt ein Sammelsurium aus Stickstoff, Sauerstoff, Wasserdampf, Kohlendioxid und anderen Spurengasen und Dreckpartikel meine Lungen.
Vollgesogen atme ich aus, wirble das Gasgemisch wieder in mein Um-mich,
pfeiffend durch meine Nasenhöhlen.
Ein und Aus.
Aus und Ein. 
Atemzug für Atemzug.
Zug für Zug.

Ich kann nicht verweilen. 
Mir fehlt die Ruhe, die Gesinnung des Bleibens, des Beständigen, des Sich-Niederlassens
Wurzeln eines jahrhundertalten Baumes, die sich tief in die Erde schlingen, sich festankern 
und so Stabilität und Sicherheit erlangen,
das liegt mir fern. 
Ich bin nicht der Stamm, sondern die Samen, 
die mit dem Luftzug weiterziehen.
Luftzug für Luftzug.
Zug für Zug.

Deshalb lasse ich mich ziehen.
Jedem Strom, jedem Wind,
gebe ich mich vollends hin.
Lasse mich forttreiben von Ort und Stelle,
bis ich mich in unbekannten Gewässern befind.
Das heisst leben. Weitergehn, nicht verharren.
Lebenszug für Lebenszug.
Atemzug für Atemzug.
Zug für Zug.

Mittwoch, 31. August 2016

FinsterLicht

Hell das Licht in der Schwärze der Nacht
Fromm die Nonne in Christus' Haus
Heilig die Kuh im Herzen des Hindus
und
geschändet anderswo auf der Welt

Alt die Frau die ein Kind hält im Arm
und
jung ein Greis der mit Horas sich misst
Delikat der Kuchen wer im Munde kaut Brot
und
noch besser dies, wer zu essen hat nichts.

Tötung ist Tugend in Zeiten des Krieges
und
Mord wenn die weisse Flagge gehisst
Tor ein Bauer der mit Sokrates spricht
 doch
Wissen durch Denken, oder Wissen durch Tat?
Gezeichnet ein Jeder der geboren als Mensch
Gebrandmarkt bis er ruhet im Sarg


Lügner ist Lügner wenn nur Wahrheit man spricht
Ausgegrenzt nur jener, der möcht Einlass in Kreis
und
das Mal wird zur Schand wenn kongruent der Leut' Sicht.

Samstag, 9. Juli 2016

Eine bekennende Nachricht

"Liebe Lucette

Ich hoffe inständig, dass du mir diese Nachricht nicht übel nehmen wirst, denn sie rührt aus meiner Sorge um dich und dein Wohlergehen.

Weisst du, ich kann gut verstehen, dass du mich nicht immer zu dir gehörig wissen möchtest, mich vor anderen Menschen gerne verbirgst und so tust, als würden wir uns nicht kennen.
Die Entscheidung liegt gewiss alleine bei dir, wem du mich vorstellst, wem nicht, und in welchen Situationen. Manchmal, ja das gebe ich zu, da würde ich sogar mit dir übereinstimmen, dass es besser ist, dem Gegenüber eine andere Person anstatt der meinen vorzustellen.

Ich würde mich aber nicht in diese äusserst seltene Position begeben und dir eine direkte Nachricht zukommen lassen, wäre ich nicht ernsthaft um dich besorgt.
Du hast dich regelrecht dazu habituiert, mich gar vor dir selbst zu verstecken und mich aus deinem Bewusstsein zu vebannen. Du hast den Entschluss gefasst, mich nicht kennen zu wollen - obwohl das absurd ist, Lucette!
Du kannst noch so all deine Kräfte gegen mich wenden, mich inbrünstig aus deinem Leben, deinem Alltag verbannen, mich aus deiner Vergangenheit erodieren. Das gelingt dir nur oberflächlich und scheinbar, aber nicht wahrhaftig. Es wird dir niemals, hörst du?, niemals wahrlich gelingen, mich zu verleugnen und mich in eine Fremde zu wandeln.

Es muss nicht so sein, Lucette. Deine Abscheu gegen mich - gegen unsere Beziehung - rührt aus einem einzigen Suppentopf: weil ich nicht deinem Ideal entspreche. Solange mein Sein nicht kongruent mit deiner Vorstellung von mir ist, wirst du dir andauernd Schaden zuführen. Denn das Unterdrücken und Verdrängen unserer Beziehung lässt dich in eine Marionette mutieren, du wirst niemals zufrieden sein.
Deine Scham wird verrückt spielen, bei den nachfolgenden Beispielen, die du einfach nicht wahrhaben willst:

Ich liebe Nikolas nicht. Er ist ein guter Freund, mehr aber auch nicht. Ich bin unglücklich mit dieser Beziehung. Sehr sogar. 

- Ich hasse das Studium. Ich weiss, dass es von der Gesellschaft geschätzt wird. Aber ich will es gar nicht. 

- Ich habe das Portemonnaie, welches ich auf der Strasse gefunden habe, nicht auf den Polizeiposten gebracht. Ich habe das Geld für mich genommen und den Geldbeutel auf eine Parkbank gelegt.

- Mir ist die Umwelt nicht egal, aber ich spucke Kaugummis auf die Strasse, lasse "aus Versehen" ein Papierchen fallen, schmeisse Pet-Flaschen in den normalen Müll, trenne weder Karton, Papier noch Glas und werfe meinen Hausmüll in die öffentlichen Eimer. Ich bin zu faul.

- Ich habe Vorurteile gegen Ausländer. 

-Ich beneide Menschen, die sehr erfolgreich sind. 

-Ich beneide meine Mitstudennten, weil sie den Anschein haben, mit dem Studium zufrieden zu sein.

-Wenn ich einkaufe, dann entscheidet schlussendlich immer der Preis: ich nehme das günstigere Produkt und kaufe nur dann Bio-, Fairtade-, Wasweissich-Labels ein, wenn ich mit Freunden einkaufe oder für Freunde Abendessen kochen muss.

-Ich putze meine Zähne nur einmal am Tag. Vor dem Schlafengehen.

-Ich lese den Hundehaufen nie auf. Nur, wenn jemand guckt.
 

Lucette, du musst mich endlich akzeptieren, denn nur so gibst du mir auch die Möglichkeit, mich zu ändern und mich zu entfaltenDu musst meiner Wahrhaftigkeit ins Angesicht blicken. 


Nur das Beste für dich wollend,
deine wahrhaftige Lucette"

Mittwoch, 15. Juni 2016

panta rhei

"Vorgestern stieg ich in ein Bächlein. Geschmeidig und sanft zog es seinen Weg um meine Knöchel.

Gestern stieg ich in einen Fluss. Rauschend und hartnäckig zog er an meinen Waden, mit denen ich mich gegen den Sog seiner Wassermassen stemmte.

Heute Morgen bin ich in denselben Fluss gesprungen, der mir bis unters Kinn reichte.
Heute Abend schwimme in einem tosenden Strom, um nicht unterzugehen.

Morgen werde ich mir, verzweifelt nach Luft schnappend wünschen, ich hätte den Fluss heute am Mittag wieder verlassen, als das Ufer noch nicht überschwemmt gewesen ist.

Und Übermorgen?

Dann werde ich gelernt haben, mich entspannt und erholsam treiben zu lassen, denn nur so werde ich in Zukunft nicht untergehen."