Ich habe ein bedingt beneidenswertes Talent, Einfaches in Mehrfaches zu transformieren.
Das ist erstmal eine ordinäre Fähigkeit, die jede und jeder tut: wenn ihr an der Kasse den Stückpreis eures vollgeladenen Bierkanisters hochrechnet, ein Weggli in der Mitte teilt oder aus einem Keksteig ein Dutzend Kekse ausstecht. Das sind die Beispiele, mit denen ich mittlerweile jeder und jedem meine Besonderheit erkläre.
In Wirklichkeit ist es aber sehr viel abstrakter und hat mit materieller Verfielfachung nichts zu tun - obwohl ich das ganz toll gefunden hätte, Stoffliches zu doppeln. Die Schokoladenkekse von Oma, beispielsweise...
Aber gut, zurück zum Wesentlichen: ich kann einfache Informationen in unterschiedliche Sprachen übersetzen. Und damit sind nicht die verbalen Lautsprachen gemeint, denn ausser meiner Muttersprache kann ich nur gebrochenes Englisch. Es ist so: eine verbalsprachliche Information - ein Satz in einem Buch zum Beispiel - übersetze ich in eine algebraische Form, oder ein Bild, oder eine auditive Funktion wie Rhythmen oder Melodien, und so weiter.
So steckte man mich in eine Schule für Anderstickende, wo regelmässig irgendwelche Männer mit Brille und Frauen mit straffem Dutt und grauen Anzügen vorbeikamen, die für internationale Forschungseinrichtungen Wunderkinder suchten.
Mit 14 Jahren landete ich bei der NASA, um für sie Wellenfunktionen von Photonen und Nanoteilchen in mathematische sowie Computersprachen zu übersetzen.
Mein gedanklicher Reichtum verschaffte mir so auch finanziellen Reichtum. Ich reise durch die Welt und arbeite für Forscher aus Russland, China, Indien und Taiwan, fahre mindestens vierteljährlich in die Schweiz ans CERN, man dreht Reportagen über mich und führt Interviews, ich werde auf Konferenzen und Tagungen eingeladen und wenns die Zeit erlaubt, halte ich Seminare an Universitäten wie Oxford, Shanghai oder der ETH.
Alleinsein ist mir fremd, bis auf die Schlafenszeit oder den Gang ins Bad. Selbst in der Freizeit begleiten mich meine Guards, weil die Welt "verdammt gefährlich und unberechenbar ist und wir nicht wollen, dass dir was passiert", in Tat und Wahrheit hatten die einfach Schiss, mein nützliches Denkstübchen durch einen dummen Sturz oder Ähnliches beschädigt zu sehen. Ich bin nicht nur goldwert, weil ich eine Offenbarung für die Wissenschaft bin, sondern weil tatsächlich unverschämte Summen in mich investiert worden sind. Nicht wenige Menschen, denen ich begegnet bin, glauben tatsächlich, dass ich als Klugscheisser zur Welt gekommen bin. Dass ich nur Informationen in Sprachen übersetzen kann, die ich selber verstehe und seit früher Kindheit nur ein Schulfach namens Informationstransformation gehabt hatte - darauf kommen die wenigsten.
Erst mit 27 Jahren verlasse ich zum ersten Mal meine seltsame Blubberblase, in der sich mein Leben abgesondert von der Zivilisation bis dato abspielte. Nachdem ich in einem Interview gefragt wurde, wie sich Sex als Melodie anhören und welche mathematische Funktion einen Kuss darstellen würde, sagte ich über Nacht alle Termine ab und verlangte unverzüglich Urlaub. Alleine, zum ersten Mal.
Meine reichlich verspätete pubertäre Phase schlug ein mit voller Wucht und im Rekordtempo.
Erstmal sah ich das Leben Anderer und setzte mich in Relation zu ihnen. Mein Selbstbild machte eine 180-Grad-Drehung: Ich bin kein unschuldiges Wunderkind, das durch glückliche Umstände zum bodenständigen, bewunderten Wissenschaftler wurde - ich bin ein sozial-inkompetenter 27-jähriger Autist, welcher von der Wissenschaftsindustrie ausgenutzt und von der Gesellschaft isoliert aufgezogen wurde, um jede erdenkliche Sprache zu beherrschen - nur die Sprache der Menschen, die hat mir niemand gelehrt. Noch dazu war ich, im Anblick der Gesellschaft, ein verwöhnter Snob, der seine eigenen Hände noch nie schmutzig gemacht hat. Es gab Putzkräfte, die sich um Zimmer und Wäsche kümmerten; Köche, die mir drei warme Mahlzeiten servierten und Guards, die mir beim Einkaufen die Tüten trugen und mich im Auto durch die Gegend chauffierten.
Alles ging dann sehr schnell. Ich verlangte Urlaub, lehnte alle Forschungsanfragen ab, verliess mein, vom Global Research Fund finanziertes, Apartment, nahm den nächsten Flieger nach Europa und mietete eine möblierte Stadtwohnung.
In der lokalen Bibliothek verschlang ich die halbe Sozialwissenschafts- und Psychologieabteilung, um die angeeignete Theorie in der Praxis zu testen: Im Pub liess ich mich mit Cocktails, Bier und Sekt abfüllen, suchte in Clubs, Cafés, im Theater und auf Konzerten den Kontakt zu Menschen, setzte mich schweigend in öffentliche Lesungen, ass Kebabs am Stehtisch unter Neonlichtlampen beim "Türken um die Ecke", versuchte mein Glück in den Universitäten und ass in Unternehmenskantinen zu Mittag - aber ich konnte diese Sprache beim besten Willen nicht verstehen, und die Anderen wurden aus mir nicht schlau.
Mein Urlaub war zu Ende und mein Institut sprengte den Handyspeicher mit besorgten Sprachnachrichten. Man suchte, fand und begleitete mich zurück in die Staaten und wurde von den Psychiatern als schwerwiegend depressiv mit auffallend gestörtem Sozialverhalten erklärt.
Dann kamen die Medien und empörten sich unerwartet über "Luxusprobleme gebildeter Snobs" wie die meinen; "Kohle bis zum Umfallen, die beste Ausbildung, der beste Job, und dann Rumflennen, dass man nicht so arm wie alle Anderen ist?!"; #sorrynotsorry, #luxuryproblems oder #EQnotIQ.
Mein Urlaub war, trotz Psychoschaden, äusserst lehrreich:
1. Soziale Gruppen sprechen andere Sprachen.
2. Viel Wissen oder Können ist was anderes als Erkennen und Verstehen.
3. Sowohl materielle als auch soziale Mittellosigkeit können in eine Notlage führen.
4. Was "Reichtum" oder "Wohlstand" bedeutet, hängt vom Umfeld und den Bezugspunkten ab.
Und jetzt kann ich auch Ihre Frage beantworten, Miss Dunham von der NY Times: die Not von "Reichen" unterscheidet sich von jener der "Ärmeren" lediglich in der Art der Mittellosigkeit. Für die einen ist die materielle, für andere - wie mich - eine psychosoziale.
Und Nöte Anderer zu banalisieren ist eben nur Ausdruck des sprachlichen Unverständnisses für den Anderen.
Das ist erstmal eine ordinäre Fähigkeit, die jede und jeder tut: wenn ihr an der Kasse den Stückpreis eures vollgeladenen Bierkanisters hochrechnet, ein Weggli in der Mitte teilt oder aus einem Keksteig ein Dutzend Kekse ausstecht. Das sind die Beispiele, mit denen ich mittlerweile jeder und jedem meine Besonderheit erkläre.
In Wirklichkeit ist es aber sehr viel abstrakter und hat mit materieller Verfielfachung nichts zu tun - obwohl ich das ganz toll gefunden hätte, Stoffliches zu doppeln. Die Schokoladenkekse von Oma, beispielsweise...
Aber gut, zurück zum Wesentlichen: ich kann einfache Informationen in unterschiedliche Sprachen übersetzen. Und damit sind nicht die verbalen Lautsprachen gemeint, denn ausser meiner Muttersprache kann ich nur gebrochenes Englisch. Es ist so: eine verbalsprachliche Information - ein Satz in einem Buch zum Beispiel - übersetze ich in eine algebraische Form, oder ein Bild, oder eine auditive Funktion wie Rhythmen oder Melodien, und so weiter.
So steckte man mich in eine Schule für Anderstickende, wo regelmässig irgendwelche Männer mit Brille und Frauen mit straffem Dutt und grauen Anzügen vorbeikamen, die für internationale Forschungseinrichtungen Wunderkinder suchten.
Mit 14 Jahren landete ich bei der NASA, um für sie Wellenfunktionen von Photonen und Nanoteilchen in mathematische sowie Computersprachen zu übersetzen.
Mein gedanklicher Reichtum verschaffte mir so auch finanziellen Reichtum. Ich reise durch die Welt und arbeite für Forscher aus Russland, China, Indien und Taiwan, fahre mindestens vierteljährlich in die Schweiz ans CERN, man dreht Reportagen über mich und führt Interviews, ich werde auf Konferenzen und Tagungen eingeladen und wenns die Zeit erlaubt, halte ich Seminare an Universitäten wie Oxford, Shanghai oder der ETH.
Alleinsein ist mir fremd, bis auf die Schlafenszeit oder den Gang ins Bad. Selbst in der Freizeit begleiten mich meine Guards, weil die Welt "verdammt gefährlich und unberechenbar ist und wir nicht wollen, dass dir was passiert", in Tat und Wahrheit hatten die einfach Schiss, mein nützliches Denkstübchen durch einen dummen Sturz oder Ähnliches beschädigt zu sehen. Ich bin nicht nur goldwert, weil ich eine Offenbarung für die Wissenschaft bin, sondern weil tatsächlich unverschämte Summen in mich investiert worden sind. Nicht wenige Menschen, denen ich begegnet bin, glauben tatsächlich, dass ich als Klugscheisser zur Welt gekommen bin. Dass ich nur Informationen in Sprachen übersetzen kann, die ich selber verstehe und seit früher Kindheit nur ein Schulfach namens Informationstransformation gehabt hatte - darauf kommen die wenigsten.
Erst mit 27 Jahren verlasse ich zum ersten Mal meine seltsame Blubberblase, in der sich mein Leben abgesondert von der Zivilisation bis dato abspielte. Nachdem ich in einem Interview gefragt wurde, wie sich Sex als Melodie anhören und welche mathematische Funktion einen Kuss darstellen würde, sagte ich über Nacht alle Termine ab und verlangte unverzüglich Urlaub. Alleine, zum ersten Mal.
Meine reichlich verspätete pubertäre Phase schlug ein mit voller Wucht und im Rekordtempo.
Erstmal sah ich das Leben Anderer und setzte mich in Relation zu ihnen. Mein Selbstbild machte eine 180-Grad-Drehung: Ich bin kein unschuldiges Wunderkind, das durch glückliche Umstände zum bodenständigen, bewunderten Wissenschaftler wurde - ich bin ein sozial-inkompetenter 27-jähriger Autist, welcher von der Wissenschaftsindustrie ausgenutzt und von der Gesellschaft isoliert aufgezogen wurde, um jede erdenkliche Sprache zu beherrschen - nur die Sprache der Menschen, die hat mir niemand gelehrt. Noch dazu war ich, im Anblick der Gesellschaft, ein verwöhnter Snob, der seine eigenen Hände noch nie schmutzig gemacht hat. Es gab Putzkräfte, die sich um Zimmer und Wäsche kümmerten; Köche, die mir drei warme Mahlzeiten servierten und Guards, die mir beim Einkaufen die Tüten trugen und mich im Auto durch die Gegend chauffierten.
Alles ging dann sehr schnell. Ich verlangte Urlaub, lehnte alle Forschungsanfragen ab, verliess mein, vom Global Research Fund finanziertes, Apartment, nahm den nächsten Flieger nach Europa und mietete eine möblierte Stadtwohnung.
In der lokalen Bibliothek verschlang ich die halbe Sozialwissenschafts- und Psychologieabteilung, um die angeeignete Theorie in der Praxis zu testen: Im Pub liess ich mich mit Cocktails, Bier und Sekt abfüllen, suchte in Clubs, Cafés, im Theater und auf Konzerten den Kontakt zu Menschen, setzte mich schweigend in öffentliche Lesungen, ass Kebabs am Stehtisch unter Neonlichtlampen beim "Türken um die Ecke", versuchte mein Glück in den Universitäten und ass in Unternehmenskantinen zu Mittag - aber ich konnte diese Sprache beim besten Willen nicht verstehen, und die Anderen wurden aus mir nicht schlau.
Mein Urlaub war zu Ende und mein Institut sprengte den Handyspeicher mit besorgten Sprachnachrichten. Man suchte, fand und begleitete mich zurück in die Staaten und wurde von den Psychiatern als schwerwiegend depressiv mit auffallend gestörtem Sozialverhalten erklärt.
Dann kamen die Medien und empörten sich unerwartet über "Luxusprobleme gebildeter Snobs" wie die meinen; "Kohle bis zum Umfallen, die beste Ausbildung, der beste Job, und dann Rumflennen, dass man nicht so arm wie alle Anderen ist?!"; #sorrynotsorry, #luxuryproblems oder #EQnotIQ.
Mein Urlaub war, trotz Psychoschaden, äusserst lehrreich:
1. Soziale Gruppen sprechen andere Sprachen.
2. Viel Wissen oder Können ist was anderes als Erkennen und Verstehen.
3. Sowohl materielle als auch soziale Mittellosigkeit können in eine Notlage führen.
4. Was "Reichtum" oder "Wohlstand" bedeutet, hängt vom Umfeld und den Bezugspunkten ab.
Und jetzt kann ich auch Ihre Frage beantworten, Miss Dunham von der NY Times: die Not von "Reichen" unterscheidet sich von jener der "Ärmeren" lediglich in der Art der Mittellosigkeit. Für die einen ist die materielle, für andere - wie mich - eine psychosoziale.
Und Nöte Anderer zu banalisieren ist eben nur Ausdruck des sprachlichen Unverständnisses für den Anderen.
J. Morgenthal, June 2018, Journal Therapy, Capital Center for Psychotherapy, Washington D.C.