Freitag, 16. Juni 2017

entscheidungssünde

es gibt ein büchlein, das die geschichte unsrer geburt erzählt.

da gab es einen garten, prachtvoll und wunderbar, heisst es, mit prachtvollen bäumen, saftig grünen pflanzen und sträuchern, leuchtenden blüten und honigsüssen früchten.es war frieden, und für tier und mensch war reichlich da. in des gartens mitte wuchsen zwei bäume, deren früchte ganz besonders leuchteten. diese zu essen war das einz'ge verbot, das in dem paradiesischen garten herrschte. als nun eines tages der mensch,wie gewohnt durch den garten streifte, um sich von den früchten zu sättigen, traf es auf ein reptil, das sagte: "iss doch die früchte des prachtvollsten baumes, die schmecken am saftigsten". der mensch war verwirrt, und fragte: "aber es ist doch verboten, denn sonst muss ich sterben"und das reptil rief: "was! bestimmt nicht - erkennen wirst du! gewiss nimm nur davon, und du wirst sehen können."zögerlich war der mensch, wo doch der gärtnermeister ausdrücklich warnung sprach. und doch waren die früchte so prächtig, und der mensch verstand ohnehin die gebote des meisters nicht. sterben, was war das für ein wort? ehrlicherweise war sich der mensch nicht mal sicher, was ein verbot denn wirklich sei. so griff er zu einer leuchtend gelbrötlichen frucht in herzensform, trug ihn mit sich zu seinem ebenbürtigen gespan, und beide teilten sie des verbotnen baumes frucht.

verscheucht und verjagt wurden die menschen vom gärtner, weil sie vom baume der erkenntnis assen. wie aber hätte der mensch sich anders entscheiden können, wo er doch bis dahin nicht wusste, was gut, was böse war? wie hätte er wissen sollen, dass eine entscheidung falsch oder richtig, gut oder schlecht sein kann, solange ihm die augen verschlossen waren? kann man überhaupt entscheiden, ohne zu wissen? wäre dies nicht nur ein blosses tun?

ist dies nicht vielleicht die schönste entscheidung, die einst nicht entschieden wurde?
würden wir uns alle ja sonst diese geschichte nicht erzählen...

Dienstag, 28. Februar 2017

Ohne..., dafür umso mehr...

Es ist Winter, der frühe Morgen stockfinster.
Ich blinzle kurz und mummel mich müde wieder in die Felldecke.
Normalerweise würde jetzt der Wecker Alarm geben, mich erinnern, dass ich meinem alltäglichen Terminplan nachkommen und langsam in die Gänge kommen sollte.

Heute stehe ich erst auf, als es vor dem Fenster anfängt zu Tagen und Licht durch die Scheiben das Zimmer erhellt. Die Gedanken an einen warmen, frischen Kaffee ziehen durch meinen Kopf, doch in dem kleinen Raum gibts keinen Herd, geschweige denn eine Kaffeemaschine. Mit Streichhölzern zünde ich ein trockenes Strohbündel an und lege es unter die pyramidenförmig gestapelten Zweige. In den Alluminiumkessel giesse ich kaltes Wasser aus einem Kanister und hänge ihn über das züngelnde Feuer.

Als ich endlich den fertigen Haferbrei und die warme Tasse Kräutertee zu mir nehme, habe ich bereits die Hühner aus dem Stall gelassen, ihnen Körner und frisches Wasser gegeben, das schmutzige Stroh entsorgt, am angrenzenden Wald frisches Brennholz gesammelt und die leeren Wasserkanister am Bach aufgefüllt.

Ich denke an Ben und Kate, die jetzt im Konferenzraum irgendwelche Präsentationen und Projekte besprechen, die neuen Konsumentendaten analysieren und sich die neuen Produktideen durchlesen. An Frau Widmer in der Finanzabteilung, Herr Braun im Sekretariat und Sophie, der Marketingpraktikantin. 
An Gustav im Kundendienst, der sich die Finger wundtippt, um jede Kundenanfrage per Mail zu beantworten und an meinen Platz vis-à-vis von seinem. Von draussen würde der Verkehrslärm ins Büro tönen, das Telefon non-stop klingeln, ich würde abnehmen und Gespräche führen, Termine koordinieren, Dokumente kopieren und nach Feierabend mit dem Bus nach Hause fahren, um am nächsten Tag dasselbe Spielchen erneut zu durchleben. Und am übernächsten, und über-übernächsten Tag ebenso. Am Wochenende würde ich mit Cindy, Marianne und Leonie shoppen und abends in einen Club, ins Kino oder sonst wohin, um uns beim Sonntagsbrunch mit frischem Saft, Müsli und Croissant vom Kater der vergangenen Nacht zu erholen. Wird würden uns die Teller beim Buffet grosszügig beladen, dann würde Cindy von ihrem Freund abgeholt und ich mit Rebekka die neue Sonderausstellung im Kunstmuseum besuchen. Abends würde ich Jean und Minh beim Asiaten treffen und mich mental auf die kommende Woche vorbereiten. Ich würde meinem rekordverdächtigen Kaffeekonsum weiterhin Ehre erweisen und ihn mit wertvollen Schlafstunden bezahlen. Meine Sinne würden weiterhin von Whatsapp, Radio, Fernseher, Werbeplakaten, Menschenmengen und E-Nummern überstrapaziert, ohne es zu merken, und mein Geldbeutel bliebe auf Dauerdiät durch die standardmässigen Einkaufstouren, die meine ohnehin schon überfüllten Schränke, Kommoden und Kisten zusätzlich überfüllen.

Ein Klopfen an der Tür lassen meine Gedanken zurück ins Jetzt schweifen.
Ein Tag ohne Strom, Hektik, Computer, Bürogeräte, Google und co., ständiger Verkehrslärm, vollgepfärchte Busse und Strassenbahnen, starre Terminpläne.
Ein Tag ohne Überfluss und modernste Technik des westlichen Stadtlebens öffnet mir meine Augen für etwas längst vergessenes: Dass es auch ohne... geht. Und das ohne... sogar ein umso mehr bedeuten kann.

Freitag, 20. Januar 2017

Über-natürlich verbunden

Sie spaziert über die Salzwiesen, in mitten denen ihr Reetdachhäuschen steht, streichelt die Lämmer der Schafherden, beobachtet die Feldhasen, wie sie in den Löchern ihrer Höhlen verschwinden und sieht die Wellen bei Flut immer näher kommen. Auf dem Damm stehend, das weite Meer vor ihr liegend und der Horizont endlos erscheinend, fühl sie sich verbunden mit Erde und Himmel, mit Mensch und Tier, Gestein und Wasser.
Sie ist ein Kind, ein winzigkleines Stück dieses grossen Ganzen, der Welt. Sie ist und fühlt sich verbunden mit allem in und um ihr. 
Hier, jetzt.
Über die Natur.

Freitag, 11. November 2016

(Un)Frei

Freiheit, sagst du, macht das Leben erst lebenswert.
Denn Freiheit, sagst du, kann verschlossene Türen öffnen, kann Hürden überwinden, Blockaden lösen, Fesseln durchtrennen.
Freiheit heisst für dich, das zu tun, zu denken, zu sagen und glauben, das du willst.
"Freiheit erlaubt mir, mich selbstzuverwirklichen und mein Leben eigenmächtig zu gestalten.
Deshalb sind glückliche Menschen immerzu auch frei. Unfreie Menschen, die sind höchstens zufrieden, sie kennen Glück nicht. Sie haben sich an ihre Unfreiheit angepasst, sich damit abgefunden. Oder sie sind unzufrieden. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: entweder, sie kämpfen für ihre Freiheit, entfesseln sich von all den Schranken der Gesellschaft, der Welt; oder aber sie geben auf und sind dann noch ärmer dran als jene, die sich zufrieden damit abgefunden haben. Unfreisein, das ist ein Leben als abhängige Marionette - ein grösseres Übel gibt es nicht, wenn du mich fragst."

Ob ich auch zu den Freiheitskämpfern gehören würde, fragst du mich dann.
Und ich antworte: "Es tut mir leid, dir diesbezüglich keine Aussage geben zu können, weil mein Verständnis von Freiheit unterschiedlicher nicht sein könnte: ich bin nicht frei. Für nichts aber danke ich mehr, als für meine Unfreiheit:
Denn Freiheit bedeutet Frei-Sein, Leer-Sein, Ohne-Sein. Und ohne Sein, das ist der Tod. Unfreiheit bedeutet Nicht-Ohne-Sein, Befüllt-Sein, Sein-Voll. Das ist das Leben."

Aber schliesslich kann das jeder (un-)frei für sich entscheiden...

Donnerstag, 6. Oktober 2016

Zug

Die Luft um mich, kühl stechend. 
Eisig durchströmt ein Sammelsurium aus Stickstoff, Sauerstoff, Wasserdampf, Kohlendioxid und anderen Spurengasen und Dreckpartikel meine Lungen.
Vollgesogen atme ich aus, wirble das Gasgemisch wieder in mein Um-mich,
pfeiffend durch meine Nasenhöhlen.
Ein und Aus.
Aus und Ein. 
Atemzug für Atemzug.
Zug für Zug.

Ich kann nicht verweilen. 
Mir fehlt die Ruhe, die Gesinnung des Bleibens, des Beständigen, des Sich-Niederlassens
Wurzeln eines jahrhundertalten Baumes, die sich tief in die Erde schlingen, sich festankern 
und so Stabilität und Sicherheit erlangen,
das liegt mir fern. 
Ich bin nicht der Stamm, sondern die Samen, 
die mit dem Luftzug weiterziehen.
Luftzug für Luftzug.
Zug für Zug.

Deshalb lasse ich mich ziehen.
Jedem Strom, jedem Wind,
gebe ich mich vollends hin.
Lasse mich forttreiben von Ort und Stelle,
bis ich mich in unbekannten Gewässern befind.
Das heisst leben. Weitergehn, nicht verharren.
Lebenszug für Lebenszug.
Atemzug für Atemzug.
Zug für Zug.

Mittwoch, 31. August 2016

FinsterLicht

Hell das Licht in der Schwärze der Nacht
Fromm die Nonne in Christus' Haus
Heilig die Kuh im Herzen des Hindus
und
geschändet anderswo auf der Welt

Alt die Frau die ein Kind hält im Arm
und
jung ein Greis der mit Horas sich misst
Delikat der Kuchen wer im Munde kaut Brot
und
noch besser dies, wer zu essen hat nichts.

Tötung ist Tugend in Zeiten des Krieges
und
Mord wenn die weisse Flagge gehisst
Tor ein Bauer der mit Sokrates spricht
 doch
Wissen durch Denken, oder Wissen durch Tat?
Gezeichnet ein Jeder der geboren als Mensch
Gebrandmarkt bis er ruhet im Sarg


Lügner ist Lügner wenn nur Wahrheit man spricht
Ausgegrenzt nur jener, der möcht Einlass in Kreis
und
das Mal wird zur Schand wenn kongruent der Leut' Sicht.

Samstag, 9. Juli 2016

Eine bekennende Nachricht

"Liebe Lucette

Ich hoffe inständig, dass du mir diese Nachricht nicht übel nehmen wirst, denn sie rührt aus meiner Sorge um dich und dein Wohlergehen.

Weisst du, ich kann gut verstehen, dass du mich nicht immer zu dir gehörig wissen möchtest, mich vor anderen Menschen gerne verbirgst und so tust, als würden wir uns nicht kennen.
Die Entscheidung liegt gewiss alleine bei dir, wem du mich vorstellst, wem nicht, und in welchen Situationen. Manchmal, ja das gebe ich zu, da würde ich sogar mit dir übereinstimmen, dass es besser ist, dem Gegenüber eine andere Person anstatt der meinen vorzustellen.

Ich würde mich aber nicht in diese äusserst seltene Position begeben und dir eine direkte Nachricht zukommen lassen, wäre ich nicht ernsthaft um dich besorgt.
Du hast dich regelrecht dazu habituiert, mich gar vor dir selbst zu verstecken und mich aus deinem Bewusstsein zu vebannen. Du hast den Entschluss gefasst, mich nicht kennen zu wollen - obwohl das absurd ist, Lucette!
Du kannst noch so all deine Kräfte gegen mich wenden, mich inbrünstig aus deinem Leben, deinem Alltag verbannen, mich aus deiner Vergangenheit erodieren. Das gelingt dir nur oberflächlich und scheinbar, aber nicht wahrhaftig. Es wird dir niemals, hörst du?, niemals wahrlich gelingen, mich zu verleugnen und mich in eine Fremde zu wandeln.

Es muss nicht so sein, Lucette. Deine Abscheu gegen mich - gegen unsere Beziehung - rührt aus einem einzigen Suppentopf: weil ich nicht deinem Ideal entspreche. Solange mein Sein nicht kongruent mit deiner Vorstellung von mir ist, wirst du dir andauernd Schaden zuführen. Denn das Unterdrücken und Verdrängen unserer Beziehung lässt dich in eine Marionette mutieren, du wirst niemals zufrieden sein.
Deine Scham wird verrückt spielen, bei den nachfolgenden Beispielen, die du einfach nicht wahrhaben willst:

Ich liebe Nikolas nicht. Er ist ein guter Freund, mehr aber auch nicht. Ich bin unglücklich mit dieser Beziehung. Sehr sogar. 

- Ich hasse das Studium. Ich weiss, dass es von der Gesellschaft geschätzt wird. Aber ich will es gar nicht. 

- Ich habe das Portemonnaie, welches ich auf der Strasse gefunden habe, nicht auf den Polizeiposten gebracht. Ich habe das Geld für mich genommen und den Geldbeutel auf eine Parkbank gelegt.

- Mir ist die Umwelt nicht egal, aber ich spucke Kaugummis auf die Strasse, lasse "aus Versehen" ein Papierchen fallen, schmeisse Pet-Flaschen in den normalen Müll, trenne weder Karton, Papier noch Glas und werfe meinen Hausmüll in die öffentlichen Eimer. Ich bin zu faul.

- Ich habe Vorurteile gegen Ausländer. 

-Ich beneide Menschen, die sehr erfolgreich sind. 

-Ich beneide meine Mitstudennten, weil sie den Anschein haben, mit dem Studium zufrieden zu sein.

-Wenn ich einkaufe, dann entscheidet schlussendlich immer der Preis: ich nehme das günstigere Produkt und kaufe nur dann Bio-, Fairtade-, Wasweissich-Labels ein, wenn ich mit Freunden einkaufe oder für Freunde Abendessen kochen muss.

-Ich putze meine Zähne nur einmal am Tag. Vor dem Schlafengehen.

-Ich lese den Hundehaufen nie auf. Nur, wenn jemand guckt.
 

Lucette, du musst mich endlich akzeptieren, denn nur so gibst du mir auch die Möglichkeit, mich zu ändern und mich zu entfaltenDu musst meiner Wahrhaftigkeit ins Angesicht blicken. 


Nur das Beste für dich wollend,
deine wahrhaftige Lucette"