Samstag, 30. September 2017

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sprach sie,
 das schönste, was nie gesagt worden ist. 

Montag, 31. Juli 2017

Schuld und Schicksal

Ich bin Janne Winter,  grosser Bruder von Björk-Lina, Lenn und Ella.
Die drei sind so verschieden wie Zucker, Salz und Pfeffer, und doch so unteilbar wie Heidi und die Berge.
Björk ist die Verkörperung von Gutmütigkeit, Gerechtigkeit und Künstlergeist; mit blondem, zu feinen Dreads geflochtenem Haar, teichgrünen Augen und Rutschbahnnase. Sie ist diejenige, die die Waage ins Gleichgewicht bringt und am stärksten unter Streitigkeiten in unserer Familie leidet.
Marc, unser Vater, wünschte sich immer mehr eine sportliche Tochter, die er zum Radfahren oder Joggen mitnehmen könnte; dafür teilt Lenn umso mehr dieselben Leidenschaften wie Vater. Lenn, feinfühlig, energiegeladen, freundlich, leidenschaftlicher Tennisspieler, wofür er mit seinen langen, schmalen Extremitäten geradezu geschaffen ist. Lyss, unsere Mutter, ist oft in Sorge um ihn wegen seines Asthma und der Neurodermitis.
Die letzte im Gespann, Ella. Ja - nach drei so pflegeleichten Kindern wie uns ist sie im Verhältnis ein wahrer Plagegeist. Aufbrausend, stur und von Vater verwöhnt, schafft sie es, uns alle, aber vor allem Mutter, auf die Palme zu treiben. Weil sie noch verschleckter ist als wir alle ohnehin schon sind, muss Mutter genau achten, dass die Süssigkeiten auch gut versteckt sind. Ella ist immer hungrig, ist die erste, die nach einer zweiten Portion verlangt und nach Dessert fragt. Weil sie dazu noch sehr wählerisch ist, schafft sie es auch, Mutter um den Finger zu wickeln und Mokka-Jogurt als alleinige Hauptmahlzeit aufgetischt zu bekommen, damit das Kind ja wenigstens etwas im Magen hat.

Lyss, engagiert, organisiert, immer etwas überbesorgt und -vorsichtig in der Erziehung ihres heissgeliebten Nachwuchses, ist im Grunde jene, die die ganze Familie zusammenhält. Vater's Erkrankung, die nicht nur die Familie stark herausforderte, sondern mit der auch noch im Geschäft das Hauptglied verloren ging, meisterte Lyss auf unerklärbare Weise. Nicht nur zu Hause schmiss sie den Haushalt und managte das Familienleben, weil Vater kaum mehr wohlauf war, sondern übernahm kurzerhand die Geschäftsführung mit dazu. Diese selbstlose Aufopferung für das Wohl der Familie, die den ersten Stellenwert in ihrem Leben hat - ja, darüber spricht sie kaum.
Mutters Übersorge kommt daher, da bin ich überzeugt, weil sie sich unendlich schuldig fühlt mir gegenüber. Sie glaubt, dass ihre Entscheidung damals und mein Wohlsein zusammenhängen.
Ich kann ihr diesen Kummer nicht abnehmen, auch wenn mein Schwachsein eine Kausalfolge ihrer Entscheidung war; sie hat es aus Vorsicht und Liebe getan. Gebärwasserpunktionen in der Schwangerschaft gehen, wie alle medizinischen Untersuchung, immer mit Risiken einher. Die Schuld trägt niemand, die Ärzte vielleicht, wenn sie gepfuscht hätten.
Aber Lyss hat sie auf sich genommen, diese Schuld: Ich bin Janne Winter und mit 20 Minuten Lebenszeit gestorben.

Sonntag, 30. Juli 2017

Entzweien

Tick, tack, tick, tack, tack, tack, tick, tack....
Des Zeigers Uhr fortwährend sich dreht
Im Kreise gen rechts im Takt
Mit jedem Tick die Zeit dann vergeht
und schlägt ein Gong wenn eine Stunde vollbracht.

Meine Gedanken simulieren des Zeigers Bahn,
mein Alltag verläuft nach Takt und nach Plan.
Aber in mir mein Geist verfällt dem Wahn
und ich kaum mehr aus dem Kreislauf ausbrechen kann.

Tief in der Brust
schreit es nach Luft,
nach Unbekanntem, Ungesehenem, spontaner Lust!
Brich entzwei den Trott, die Dahinseucherei
und mache in meinem Leben alles neu! 

Freitag, 16. Juni 2017

entscheidungssünde

es gibt ein büchlein, das die geschichte unsrer geburt erzählt.

da gab es einen garten, prachtvoll und wunderbar, heisst es, mit prachtvollen bäumen, saftig grünen pflanzen und sträuchern, leuchtenden blüten und honigsüssen früchten.es war frieden, und für tier und mensch war reichlich da. in des gartens mitte wuchsen zwei bäume, deren früchte ganz besonders leuchteten. diese zu essen war das einz'ge verbot, das in dem paradiesischen garten herrschte. als nun eines tages der mensch,wie gewohnt durch den garten streifte, um sich von den früchten zu sättigen, traf es auf ein reptil, das sagte: "iss doch die früchte des prachtvollsten baumes, die schmecken am saftigsten". der mensch war verwirrt, und fragte: "aber es ist doch verboten, denn sonst muss ich sterben"und das reptil rief: "was! bestimmt nicht - erkennen wirst du! gewiss nimm nur davon, und du wirst sehen können."zögerlich war der mensch, wo doch der gärtnermeister ausdrücklich warnung sprach. und doch waren die früchte so prächtig, und der mensch verstand ohnehin die gebote des meisters nicht. sterben, was war das für ein wort? ehrlicherweise war sich der mensch nicht mal sicher, was ein verbot denn wirklich sei. so griff er zu einer leuchtend gelbrötlichen frucht in herzensform, trug ihn mit sich zu seinem ebenbürtigen gespan, und beide teilten sie des verbotnen baumes frucht.

verscheucht und verjagt wurden die menschen vom gärtner, weil sie vom baume der erkenntnis assen. wie aber hätte der mensch sich anders entscheiden können, wo er doch bis dahin nicht wusste, was gut, was böse war? wie hätte er wissen sollen, dass eine entscheidung falsch oder richtig, gut oder schlecht sein kann, solange ihm die augen verschlossen waren? kann man überhaupt entscheiden, ohne zu wissen? wäre dies nicht nur ein blosses tun?

ist dies nicht vielleicht die schönste entscheidung, die einst nicht entschieden wurde?
würden wir uns alle ja sonst diese geschichte nicht erzählen...

Dienstag, 28. Februar 2017

Ohne..., dafür umso mehr...

Es ist Winter, der frühe Morgen stockfinster.
Ich blinzle kurz und mummel mich müde wieder in die Felldecke.
Normalerweise würde jetzt der Wecker Alarm geben, mich erinnern, dass ich meinem alltäglichen Terminplan nachkommen und langsam in die Gänge kommen sollte.

Heute stehe ich erst auf, als es vor dem Fenster anfängt zu Tagen und Licht durch die Scheiben das Zimmer erhellt. Die Gedanken an einen warmen, frischen Kaffee ziehen durch meinen Kopf, doch in dem kleinen Raum gibts keinen Herd, geschweige denn eine Kaffeemaschine. Mit Streichhölzern zünde ich ein trockenes Strohbündel an und lege es unter die pyramidenförmig gestapelten Zweige. In den Alluminiumkessel giesse ich kaltes Wasser aus einem Kanister und hänge ihn über das züngelnde Feuer.

Als ich endlich den fertigen Haferbrei und die warme Tasse Kräutertee zu mir nehme, habe ich bereits die Hühner aus dem Stall gelassen, ihnen Körner und frisches Wasser gegeben, das schmutzige Stroh entsorgt, am angrenzenden Wald frisches Brennholz gesammelt und die leeren Wasserkanister am Bach aufgefüllt.

Ich denke an Ben und Kate, die jetzt im Konferenzraum irgendwelche Präsentationen und Projekte besprechen, die neuen Konsumentendaten analysieren und sich die neuen Produktideen durchlesen. An Frau Widmer in der Finanzabteilung, Herr Braun im Sekretariat und Sophie, der Marketingpraktikantin. 
An Gustav im Kundendienst, der sich die Finger wundtippt, um jede Kundenanfrage per Mail zu beantworten und an meinen Platz vis-à-vis von seinem. Von draussen würde der Verkehrslärm ins Büro tönen, das Telefon non-stop klingeln, ich würde abnehmen und Gespräche führen, Termine koordinieren, Dokumente kopieren und nach Feierabend mit dem Bus nach Hause fahren, um am nächsten Tag dasselbe Spielchen erneut zu durchleben. Und am übernächsten, und über-übernächsten Tag ebenso. Am Wochenende würde ich mit Cindy, Marianne und Leonie shoppen und abends in einen Club, ins Kino oder sonst wohin, um uns beim Sonntagsbrunch mit frischem Saft, Müsli und Croissant vom Kater der vergangenen Nacht zu erholen. Wird würden uns die Teller beim Buffet grosszügig beladen, dann würde Cindy von ihrem Freund abgeholt und ich mit Rebekka die neue Sonderausstellung im Kunstmuseum besuchen. Abends würde ich Jean und Minh beim Asiaten treffen und mich mental auf die kommende Woche vorbereiten. Ich würde meinem rekordverdächtigen Kaffeekonsum weiterhin Ehre erweisen und ihn mit wertvollen Schlafstunden bezahlen. Meine Sinne würden weiterhin von Whatsapp, Radio, Fernseher, Werbeplakaten, Menschenmengen und E-Nummern überstrapaziert, ohne es zu merken, und mein Geldbeutel bliebe auf Dauerdiät durch die standardmässigen Einkaufstouren, die meine ohnehin schon überfüllten Schränke, Kommoden und Kisten zusätzlich überfüllen.

Ein Klopfen an der Tür lassen meine Gedanken zurück ins Jetzt schweifen.
Ein Tag ohne Strom, Hektik, Computer, Bürogeräte, Google und co., ständiger Verkehrslärm, vollgepfärchte Busse und Strassenbahnen, starre Terminpläne.
Ein Tag ohne Überfluss und modernste Technik des westlichen Stadtlebens öffnet mir meine Augen für etwas längst vergessenes: Dass es auch ohne... geht. Und das ohne... sogar ein umso mehr bedeuten kann.

Freitag, 20. Januar 2017

Über-natürlich verbunden

Sie spaziert über die Salzwiesen, in mitten denen ihr Reetdachhäuschen steht, streichelt die Lämmer der Schafherden, beobachtet die Feldhasen, wie sie in den Löchern ihrer Höhlen verschwinden und sieht die Wellen bei Flut immer näher kommen. Auf dem Damm stehend, das weite Meer vor ihr liegend und der Horizont endlos erscheinend, fühl sie sich verbunden mit Erde und Himmel, mit Mensch und Tier, Gestein und Wasser.
Sie ist ein Kind, ein winzigkleines Stück dieses grossen Ganzen, der Welt. Sie ist und fühlt sich verbunden mit allem in und um ihr. 
Hier, jetzt.
Über die Natur.

Freitag, 11. November 2016

(Un)Frei

Freiheit, sagst du, macht das Leben erst lebenswert.
Denn Freiheit, sagst du, kann verschlossene Türen öffnen, kann Hürden überwinden, Blockaden lösen, Fesseln durchtrennen.
Freiheit heisst für dich, das zu tun, zu denken, zu sagen und glauben, das du willst.
"Freiheit erlaubt mir, mich selbstzuverwirklichen und mein Leben eigenmächtig zu gestalten.
Deshalb sind glückliche Menschen immerzu auch frei. Unfreie Menschen, die sind höchstens zufrieden, sie kennen Glück nicht. Sie haben sich an ihre Unfreiheit angepasst, sich damit abgefunden. Oder sie sind unzufrieden. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: entweder, sie kämpfen für ihre Freiheit, entfesseln sich von all den Schranken der Gesellschaft, der Welt; oder aber sie geben auf und sind dann noch ärmer dran als jene, die sich zufrieden damit abgefunden haben. Unfreisein, das ist ein Leben als abhängige Marionette - ein grösseres Übel gibt es nicht, wenn du mich fragst."

Ob ich auch zu den Freiheitskämpfern gehören würde, fragst du mich dann.
Und ich antworte: "Es tut mir leid, dir diesbezüglich keine Aussage geben zu können, weil mein Verständnis von Freiheit unterschiedlicher nicht sein könnte: ich bin nicht frei. Für nichts aber danke ich mehr, als für meine Unfreiheit:
Denn Freiheit bedeutet Frei-Sein, Leer-Sein, Ohne-Sein. Und ohne Sein, das ist der Tod. Unfreiheit bedeutet Nicht-Ohne-Sein, Befüllt-Sein, Sein-Voll. Das ist das Leben."

Aber schliesslich kann das jeder (un-)frei für sich entscheiden...