Donnerstag, 21. November 2019

Was denkst du?

Als du da standest, gestern Nacht, im Rahmen des Fensters;
hast du dich stillschweigend gefragt, ob ich da bin? Eine Zigarette rauche?
Hättest du dich zu mir gesetzt?
Hast du zu meinem Fenster geschaut, als du hinausblicktest? Ob da Licht brennt, ob da wer ist? Ob ich da bin?
Oder habe ich mir das alles eingebildet, als ich meiner Freundin über die Schulter zu deinem Fenster hoch spähte? Dass du runterschaust, zu uns?
Welche Gedanken gingen dir durch den Kopf? Oder hast du an Nichts gedacht? Hast du dir nur deine Wasserflasche mit Sprudel befüllt, da am Fenstersims?

Ist es die Kälte der Jahreszeit, die Dunkelheit, die viele Arbeit, das Studium, dass du das Gelände meidest? Lieber oben in der Küche, in deinem sechsfenstrigen Zimmer bleibst?

Ich ziehe die Vorhänge zu. Schaue auf mein Bett. Ich bin müde, aber kann nicht schlafen. Bin nervös, unruhig; so viele Gedanken in meinem Kopf. Ich zieh meinen Mantel über, kralle den Schlüsselbund, schlüpfe in die Slippers, ziehe die Tür hinter mir zu.
Ich überquere das Gelände, lehne an die Mauer schräg unter deinem Fenster. Rasende Gedanken. Ich entzünde das Feuer, entflamme den Tabak.
Ich ziehe, atme tief, puste aus. Es ist nach Mitternacht.
Was hat sich geändert? Ich öffne unsere Nachrichten, scrolle hoch und hoch und hoch.
Da. 00:38 Uhr, der fünfte August 2018. Ob ich da bin, schriebst du. Ob wir was trinken. Rauchen. Reden. Lachen. Bis zwei, drei, vier Uhr nachts.
Ich betrachte das Glühen der zur Hälfte abgebrannten Kippe.
Vielleicht ist sie beschäftigt. Vielleicht hat sie viel zu tun. Vielleicht hat sie auch einfach keine Lust zu reden; geht doch allen so.

So viele Fragen in meinem Kopf. So viel Ungewissheit. So viel Denken und Nachdenken über das, was du tust, was du sagst, was du schreibst. Der angespannte Blick, die knappen Worte, das Seufzen. Das Lächeln, das Schimmern in deinen Augen. Jenen Abend, als du mich gar nicht umarmtest. Und denjenigen, als die Umarmung einen Ticken zu lang war.

So viele Fragen, so viele Widersprüche.
Und trotzdem. Keine meiner Fragen kriege ich über die Lippen.
Und so bleibt es beim Interpretieren, Analysieren, Synthetisieren, Dramatisieren, Banalisieren, beim Über-den-Haufen-werfen.
So bleibt es beim Sprechen zwischen den Worten.

Samstag, 29. Juni 2019

Über unterwegs

Unterwegs sind wir, wenn wir nicht zu Hause sind.
Weil:
Handy klingelt, Freund ruft an. Fragt, wo du bist? "Unterwegs", während wir uns vielleicht gerade mit Bus, Bahn, Zug, Fahrrad oder Füssen von A nach B bewegen. Irrelevant, ob du von zu Hause oder Nicht-Zuhause kommst oder gehst; auf alle Fälle bist du nicht daheim.
Unterwegssein hat einen dynamischen Charakter, und verweist auf das Nicht-Zuhause-Sein.

Letztens sass ich im ruhigen, begrünten Hinterhof eines Cafés und wurde von einem befreundeten Menschen angerufen. Unterwegs sei ich, habe ich gesagt. Definitiv war ich nicht zuhause, aber definitiv nicht besonders dynamisch, wie ich da unterm Sonnenschirm sass und in einer Lektüre blätterte. Und gleich danach habe ich meiner Verabredung angerufen, der ich gesagt habe, dass ich "schon da" bin. Hätte ich ihr gesagt, dass ich "noch unterwegs" bin, wäre ich entweder nicht in diesem Café, wo wir uns treffen wollten; oder ich wäre in diesem Café, wo ich auch tatsächlich war, hätten uns aber anderswo verabredet.

Scheinbar ist Unterwegssein von einer zweiten Person abhänging - beziehungsweise bin ich, in dem Café sitzend und auf meine Verabredung wartend, streng genommen trotzdem unterwegs - spätestens, wenn der Gastbetrieb hier die Feierabendglocken läuten lässt, mein Geld einkassiert.
Dennoch: der Wortgebrauch ist an den Standort und die Beziehung zu einer Zweitperson gekoppelt.
Szenario uno: P kontaktiert mich unverbindlich, fragt, wo ich bin. Antwort "unterwegs" gibt folgende Auskunft: ich bin ausserhalb meines Heimes, treib mich irgendwo rum, tu irgendwas. Natürlich vorausgesetzt, dass P zu diesem Zeitpunkt nicht bei mir zu Hause sein kann, ansonsten würde ihm durch die Antwort "Unterwegs" keine neue Information gegeben. Eher wäre das dann eine zickige Absage und hiesse so viel wie: ich bin busy und hab keinen Bock, dir Näheres zu erzählen. Not so lovely.
Szenario due: P kontaktiert mich verbindlich, weil verabredet. Unterwegssein bedeutet dann, dass ich noch nicht am Treffpunkt angekommen (und obviously auch aushäusig) bin.

So viel Geschriebenes zu einem so unscheinbaren Adverb. Aber meine Gedanken sind noch nicht ausgedacht: In meinen Beispielen sprechen die Personen immer mittels Fernkommunikatoren aka Smartphones, Telefonen, iWatches und wie das Zeug heute so heisst. Was zur Hölle hatte dieses Wort für eine Bedeutung, als es noch keine Telefone, Whatsapp und SMS gab?!
Da gabs nur eine Schaubühne für Unterwegs: "Ich hab unterwegs noch ein Baguette gekauft"  - als Schilderung eines vergangenen/bevorstehenden Erlebnisses/Vorhabens, das im Zeitraum von A nach B stattfand/stattfinden wird.
Das digitale Zeitalter hat Unterwegs schon was Popularität gebracht.

So, zum Schluss: Ich werde unterwegs, auf dem Weg zum Café, auf Google Maps gucken, damit  ich nicht abwegs auf den Holzweg gerate und einen Umweg fahre, sonst ist mein Lieblingsplatz eventuell weg, aber das ist eher abwegig.

Dienstag, 3. Juli 2018

Westend.

An der Ecke Söbbeckstrasse-Manserallee ist das Café Milchkanne, im EG eines Altbaus mit verschnörkelter Fassade nach altrömischem Vorbild.

Die Söbbeckstrasse verläuft von Ost nach West, oder von West nach Ost, wie man's drehen will. Die Manserallee kommt vom Norden und geht bogenartig südwärts.

Ich wohne in der Manserallee, oben im Norden, in einer 3-Zimmer-Wohnung im 2. Stock. Altbau, knarrende Holzböden, hohe Decken, Balkon ins Grüne, kleine Kachelfliesen im Bad und Küche, eine einfach Einbauküche. 

Heute schlendere ich runter zur Milchkanne, trinke einen Cappuccino für 2€ und ess einen Blaubeer-Donut - also dieser in Fett gebackene Teigkringel - zum Frühstück. Manchmal auch ein französisches Buttercroissant, einen fluffigen Pancake aus Buttermilch oder eine Joghurt-Schale mit exotischen Früchten, Nüssen und Granola - diese süssen, gebackenen Cerealien.
Des Öfteren geh ich auch mit Freunden hier Abendessen, denn unter der Woche gibt's hier Live-Musik von jungen lokalen Künstlern, Lesungen oder Diskussionsanlässe. Nachdem wir unsere Burger, Pizzen oder Kebabs verspeist haben, ziehen wir weiter westwärts; in eine Bar, ins Kino oder im Sommer an den Fluss und nehmen da unser Dessert, quatschen, trinken, entspannen. 

Gestern aber, so kommts mir vor, habe ich in der Milchkanne Muckefuck getrunken, dazu Arme Ritter, Haferflockensuppe oder Griessbrei mit Pflaumenmus. 
Abends haben wir Stolzer Heinrich, Strammer Max oder Grilletta bestellt. Danach gings ostwärts die Söbbeckstrasse hoch, oder nordwärts, je nachdem.
Weiter gings nicht. Denn da, süd-westlich der Milchkanne, da war ein graues Beamtenhaus, links und rechts dahinter verlief ein Stacheldrahtzaun, hinterdem eine etwa 3-Meter hohe Betonmauer ertürmte.  Diese Mauer war ein Ring, die ich jahrelang umfuhr - Westumfahrung, nannten wir das - mit dem Fahrrad am Wochenende, eine richtige Tour, und phantasiertest  unterwegs über die unbekannte Stadt, die sich hinter der Betonmauer verbarg.

Da, bei der Milchkanne, war die Grenze, war Westend. Da, bei der Milchkanne, umfuhr ich den Westen. 
Bis eines Tages die Mauer fiel. Und mit ihr meine Westumfahrung, mein Strammer Max, Muckefuck und ein Teil meines Ichs.

Samstag, 9. Juni 2018

Not trotz Noten

Ich habe ein bedingt beneidenswertes Talent, Einfaches in Mehrfaches zu transformieren.
Das ist erstmal eine ordinäre Fähigkeit, die jede und jeder tut: wenn ihr an der Kasse den Stückpreis eures vollgeladenen Bierkanisters hochrechnet, ein Weggli in der Mitte teilt oder aus einem Keksteig ein Dutzend Kekse ausstecht.  Das sind die Beispiele, mit denen ich mittlerweile jeder und jedem meine Besonderheit erkläre.
In Wirklichkeit ist es aber sehr viel abstrakter und hat mit materieller Verfielfachung nichts zu tun - obwohl ich das ganz toll gefunden hätte, Stoffliches zu doppeln. Die Schokoladenkekse von Oma, beispielsweise...
Aber gut, zurück zum Wesentlichen: ich kann einfache Informationen in unterschiedliche Sprachen übersetzen. Und damit sind nicht die verbalen Lautsprachen gemeint, denn ausser meiner Muttersprache kann ich nur gebrochenes Englisch. Es ist so: eine verbalsprachliche Information - ein Satz in einem Buch zum Beispiel - übersetze ich in eine algebraische Form, oder ein Bild, oder eine auditive Funktion wie Rhythmen oder Melodien, und so weiter.

So steckte man mich in eine Schule für Anderstickende, wo regelmässig irgendwelche Männer mit Brille und Frauen mit straffem Dutt und grauen Anzügen vorbeikamen, die für internationale Forschungseinrichtungen Wunderkinder suchten.

Mit 14 Jahren landete ich bei der NASA, um für sie Wellenfunktionen von Photonen und Nanoteilchen in mathematische sowie Computersprachen zu übersetzen.
Mein gedanklicher Reichtum verschaffte mir so auch finanziellen Reichtum. Ich reise durch die Welt und arbeite für Forscher aus Russland, China, Indien und Taiwan, fahre mindestens vierteljährlich in die Schweiz ans CERN, man dreht Reportagen über mich und führt Interviews, ich werde auf Konferenzen und Tagungen eingeladen und wenns die Zeit erlaubt, halte ich Seminare an Universitäten wie Oxford, Shanghai oder der ETH.

Alleinsein ist mir fremd, bis auf die Schlafenszeit oder den Gang ins Bad. Selbst in der Freizeit begleiten mich meine Guards, weil die Welt "verdammt gefährlich und unberechenbar ist und wir nicht wollen, dass dir was passiert", in Tat und Wahrheit hatten die einfach Schiss, mein nützliches Denkstübchen durch einen dummen Sturz oder Ähnliches beschädigt zu sehen. Ich bin nicht nur goldwert, weil ich eine Offenbarung für die Wissenschaft bin, sondern weil tatsächlich unverschämte Summen in mich investiert worden sind. Nicht wenige Menschen, denen ich begegnet bin, glauben tatsächlich, dass ich als Klugscheisser zur Welt gekommen bin. Dass ich nur Informationen in Sprachen übersetzen kann, die ich selber verstehe und seit früher Kindheit nur ein Schulfach namens Informationstransformation gehabt hatte - darauf kommen die wenigsten.

Erst mit 27 Jahren verlasse ich zum ersten Mal meine seltsame Blubberblase, in der sich mein Leben abgesondert von der Zivilisation bis dato abspielte. Nachdem ich in einem Interview gefragt wurde, wie sich Sex als Melodie anhören und welche mathematische Funktion einen Kuss darstellen würde, sagte ich über Nacht alle Termine ab und verlangte unverzüglich Urlaub. Alleine, zum ersten Mal.
Meine reichlich verspätete pubertäre Phase schlug ein mit voller Wucht und im Rekordtempo.
Erstmal sah ich das Leben Anderer und setzte mich in Relation zu ihnen. Mein Selbstbild machte eine 180-Grad-Drehung: Ich bin kein unschuldiges Wunderkind, das durch glückliche Umstände zum bodenständigen, bewunderten Wissenschaftler wurde - ich bin ein sozial-inkompetenter 27-jähriger Autist, welcher von der Wissenschaftsindustrie ausgenutzt und von der Gesellschaft isoliert aufgezogen wurde, um jede erdenkliche Sprache zu beherrschen - nur die Sprache der Menschen, die hat mir niemand gelehrt. Noch dazu war ich, im Anblick der Gesellschaft, ein verwöhnter Snob, der seine eigenen Hände noch nie schmutzig gemacht hat. Es gab Putzkräfte, die sich um Zimmer und Wäsche kümmerten; Köche, die mir drei warme Mahlzeiten servierten und Guards, die mir beim Einkaufen die Tüten trugen und mich im Auto durch die Gegend chauffierten.

Alles ging dann sehr schnell. Ich verlangte Urlaub, lehnte alle Forschungsanfragen ab, verliess mein, vom Global Research Fund finanziertes, Apartment, nahm den nächsten Flieger nach Europa und mietete eine möblierte Stadtwohnung.
In der lokalen Bibliothek verschlang ich die halbe Sozialwissenschafts- und Psychologieabteilung, um die angeeignete Theorie in der Praxis zu testen: Im Pub liess ich mich mit Cocktails, Bier und Sekt abfüllen, suchte in Clubs, Cafés, im Theater und auf Konzerten den Kontakt zu Menschen, setzte mich schweigend in öffentliche Lesungen, ass Kebabs am Stehtisch unter Neonlichtlampen beim "Türken um die Ecke", versuchte mein Glück in den Universitäten und ass in Unternehmenskantinen zu Mittag - aber ich konnte diese Sprache beim besten Willen nicht verstehen, und die Anderen wurden aus mir nicht schlau.

Mein Urlaub war zu Ende und mein Institut sprengte den Handyspeicher mit besorgten Sprachnachrichten. Man suchte, fand und begleitete mich zurück in die Staaten und wurde von den Psychiatern als schwerwiegend depressiv mit auffallend gestörtem Sozialverhalten erklärt.
Dann kamen die Medien und empörten sich unerwartet über "Luxusprobleme gebildeter Snobs" wie die meinen; "Kohle bis zum Umfallen, die beste Ausbildung, der beste Job, und dann Rumflennen, dass man nicht so arm wie alle Anderen ist?!"; #sorrynotsorry, #luxuryproblems oder #EQnotIQ.

Mein Urlaub war, trotz Psychoschaden, äusserst lehrreich:
1. Soziale Gruppen sprechen andere Sprachen.
2. Viel Wissen oder Können ist was anderes als Erkennen und Verstehen.
3. Sowohl materielle als auch soziale Mittellosigkeit können in eine Notlage führen.
4. Was "Reichtum" oder "Wohlstand" bedeutet, hängt vom Umfeld und den Bezugspunkten ab.

Und jetzt kann ich auch Ihre Frage beantworten, Miss Dunham von der NY Times:  die Not von "Reichen" unterscheidet sich von jener der "Ärmeren" lediglich in der Art der Mittellosigkeit. Für die einen ist die materielle, für andere - wie mich - eine psychosoziale.
Und Nöte Anderer zu banalisieren ist eben nur Ausdruck des sprachlichen Unverständnisses für den Anderen.

J. Morgenthal, June 2018, Journal Therapy, Capital Center for Psychotherapy, Washington D.C.

Donnerstag, 19. April 2018

Denkmal

Scheisse, was soll dieser Lärm? Autos, verflucht, schaltet mal euren Protzmotor auf Mucksmaussound und prallert nicht so mit euren PS-gepimptem Karren!
Himmel... Wie soll sich ein anständig arbeitender Bürger bitte den Kopf sonst mit unends verrotzten, aber durchaus wichtigen Kundenanfragen  und -motzereien herausfordern?

Erstmal eine Kaffeepause, bei all der Pein.
Mensch, Gitta hat wieder einen Anstandsrest in der Kanne gelassen, ausreichend für den Drittel dieser portionsgeizigen Espresso-Tassen. Und wer trinkt hier eigentlich immer meine Mandelmilch weg, wo ich die einzige mit Kuhmilch-Allergie bin!
Jens! Trinkst du Milchkaffee, eigentlich? Weil hat fast keine Vollmilch mehr...
Nö! Ich trink laktosefrei...
Aha, erwischt...

Ja. Gut. Dannhalt koffeinfrei weiter ans Werk.
So... *trülülüüü*
Ja, Frankhauser Kundenservice? Mhm, ah... verstehe, das ... Ja....Selbstverständlich. Nein, ich versichere Ihnen, dass keine gesundheitlichen Risiken.... Sie haben was? Roh verzerrt? Ja, das tut mir Leid. Ich hoffe, Sie genesen schnell... Leider kann ich Ihnen die Kosten nicht zurückerstatten... Nein, wir wollen Sie nicht in den Sarg... Ja. Glauben Sie mir, dass es uns inständig Leid tut und uns Ihre Gesundheit sehr am Herzen... Schreiben Sie mir doch eine Mail, dann kann ich Ihnen nach interner Absprache. Mhm. Mhm. Ja. Haben Sie Verständnis... Schönen Tag!

Jens! Kannst mir schwarzen Kaffee aus der Küche bringen, bitte!?

Yo, Käthe, bitteschön. Deine Nerven sind ja heut besonders filigran, was.
Denkmal an all die armen ArbeiterInnen, die an der Baustelle am Schüderweg sitzen und von 07:00 bis 17:00 Uhr den Presslufthammer in den Hörtrichter haben...
Oder denkmal an die Frau Jochen in der Krisenstation, wo die Leute wegen nem Mückenstich mit panischer Stupidheit angerannt kommen...
Oder denk auch mal an all die, die tagtäglich vorm Arbeitsamt 4 Stunden schlangestehen, um dann doch von der Arbeitslosenhilfe nach Hause geschickt zu werden.
Vielleicht denkste auch mal an unseren Putzmeister, der jeden Abend deine Kekskrümel aus der PC-Tastatur saugen muss...

Und denk bitte auch mal an deine Nerven und frag sie, ob sie ein anderes Umfeld nicht viel geiler fänden!

...

Achso, ja, Kaffee, bidde hier.

Sonntag, 31. Dezember 2017

ich sehe was, das du nicht siehst.

ich höre was, das du nicht hörst...
ich rieche was, das du nicht riechst...
ich fühle was, das du nicht fühlst....

häufig habe ich die frage gehört, wie ein traum ohne sehsinn aussehen würde.
"meine träume sehen gar nicht aus", antworte ich dann zunächst.
die meisten bemerken das sprachliche manko und sagen dann "schon klar, aber...", oder entschuldigen sich. wobei ich nicht beabsichtige, auf eine allfällige taktlosigkeit hinzuweisen - tatsächlich ist das die einzig richtige antwort, die ich geben kann. um den anderen nicht in verlegenheit zu versetzen, fahre ich fort: "abgesehen davon, dass träume inhaltlich meist wirr, zusammenhangslos sind; unterscheiden sich diese von deiner wachen wahrnehmung?"
viele verneinen direkt, andere bemerken, dass sie nicht riechen, auch temperatur würden sie im traum nicht spüren.
"bei mir ist es genau gleich; meine träume nehme ich in etwa so wahr, wie im wachzustand die welt auch."
wenn ich höflich sein will, sage ich: "denken sie daran, dass sie ein hörbuch hören. die geräuschkulisse ist an jedem ort anders; sie hören vielleicht viele stimmen, laut oder leise, weit weg oder nahe; anhand der stimmlage können sie menschen unterscheiden, auf ihre laune und stimmung schliessen. vielleicht hören sie wind oder wasser, vögel oder fahrzeuge. und so weiter.
nur können sie all das, was im hörbuch passiert, ebenso riechen, tasten und fühlen. so."

wenn ich aber ehrlich bin, sage ich: "ich finde es komisch, dass sie mich fragen, wie ich wahrnehme. schliesslich sind sie diejenige person, die sich einen sinn wegdenken kann. sie haben alle meine sinne, plus einen dazu. lassen sie die sicht weg, und sie können sich alles selbst beantworten.
das problem liegt nur dabei, dass sie so fixiert sind auf diesen einen sinn, dass ihre anderen komplett eingeschlafen sind. ich bin nicht blind, wissen sie, im gegenteil: manchmal frage ich mich, ob nicht ihr die blinden seit, weil ihr von euren 5 sinnen nur einen wirklich zu gebrauchen scheint: die welt fliesst euch, sozusagen, durch 4 sinne komplett hinweg."

Mittwoch, 1. November 2017

Die Metro 7 macht kurzen Halt vor dem Kant-Institut und tuckert langsam weiter Richtung Rebfeld. Wie merkwürdig es doch ist, denke ich, da steige ich im menschenüberfüllten Stadtkern in die Bahn, setzte mich, die Türen schliessen sich, fahre Stück für Stück den Schienen entlang und kann zusehen, wie sich die Menschenmasse allmählich verliert, die Hochhäuser schrumpfen und zu Einfamilienhäusern und Wohnblöcken werden. Dann drücke ich den Knopf, die Türen öffnen sich, ich steige aus und finde mich in einer scheinbar völlig anderen Welt wieder.

Ich schlendere einen Kiesweg entlang, irgendwo zwischen Kant-Institut und Rebfeld. Links und rechts strecken Ahornbäume majestätisch ihre Kronen in den Himmel, dazwischen dichte, dunkelgrüne Eiben und Schlehensträuche. Die Luft riecht herb, grasig, weniger staubig als in der Stadt. Der Kiesweg mündet in eine Pflasterstrasse, in der die Häuser in ungewöhnlich grossem Abstand aneinander gereiht sind.
Es ist seltsam still. Keine Kinder, die auf der Strasse spielen, kein Hundegebell oder herumstreunende Katzen, keine Bewohner, die sorgsam ihren Hecken einen neuen Schnitt geben.

Vor einem grossen Holztor, hinter dem ich eine Backsteinfassade erkenne, halte ich inne.
Auf einmal fühle ich, wie sich ein dünner, bleierner Nebelmantel um meine Brust legt, und die Luft um mich mir den Sauerstoff aus den Lungen saugt. Als würde die Umwelt hier von meinem Körper Energie abnehmen.

-Sie sind nicht die erste, die so fühlt. Abrupt drehe ich mich um, blicke in zwei schwarzbraune Augen eines lächelnden Männergesichts mit markanten Wangenknochen.

-Was meinen Sie?, entgegne ich, um die mystische Absurdität zu banalisieren.  Der Mann lächelt schweigend, öffnet die schwere Holzpforte mit einem langen, eisernen Schlüssel mit verschnörkeltem Griff und gewährt mir mit einem kurzen Handwinken Einlass.

-Wir sind es uns nicht mehr gewöhnt, uns zurückzuziehen, auszuruhen und die eigenen Gedanken und Gefühle loszulassen. Das macht vielen Angst und sie fühlen sich bedroht. Das ist es doch, was sie fühlen, nicht? Als würden Ihre guten Gedanken, Träume vom Nichts verschluckt.

Ich schweige und zögere.

-Es ist Ihre Entscheidung, aber glauben Sie mir; es ist ein wunderbares Gefühl, wenn man mit der Leere, dem Nichts in Berührung kommt. Es befreit. Und Sie werden sehen, dass man vor allen Dingen auch Gefühle abgeben kann, die man gar nicht fühlen möchte... Für die Kur gilt nur eines: Sie müssen bereit sein, sich der Flaute völlig hinzugeben...

Unsicher setze ich meinen Fuss auf die Schwelle der Pforte; das grosse, alte, von Efeu überwucherte Backsteinhaus vor mir. Mein Kopf möchte Kehrt machen, zurück in die Bahn, zurück ins Getümmel, die Menschenmassen, das Leben, die Hektik... Irgendwas hält mich zurück, als würde das Haus die Arme ausstrecken, um mich zu begrüssen...
und um mir mein schweres, unsichtbares Gepäck, das ich erst jetzt bemerke, abzunehmen.