Sonntag, 5. Januar 2020

Heimat - Teil 2

Wie ich meine beiden Taschen auf den Parkettboden des zum Gästezimmer umfunktionierten Arbeitszimmer fallen lasse, erfahre ich einen Moment des Bewusstwerdens: Ich bin ein Gast. Zum ersten Mal werde ich hier in dieser Stadt, in der ich über 22 Jahre gelebt habe, in der Wohnung meines besten Freundes nicht aufstehen und sagen: "So, ich bin müde. Ich schwing mich aufs Velo. Bis morgen." Da steht kein Fahrrad, dessen Schloss ich (auf rechtem Wege) öffnen könnte;
kein Bus und kein Tram, die mich in ein Eigenheim fahren würden.

Ich fühle mich wie... wie die Tante aus Marokko. Und sie kommt auf zwei Kamelen wenn sie kommt, hopp hopp; und wir trinken eine Cola wenn sie kommt, gluck gluck; und wir rauchen eine Kippe wenn sie kommt, paff paff...
Die Eine, die in der Fremde wohnt und richtig gefeiert wird, wenn sie zu Besuch kommt.
Es fühlt sich alles andere als schlecht an, dass es hier keinen Ort mehr gibt, an dem mein Name an der Klingel steht. Aber das Bewusstwerden dessen ist dennoch ein sonderbares Gefühl.

In der Dunkelheit der Novembernacht machen wir einen Spaziergang am Rheinufer. Und können in Zweisamkeit endlich über all die Dinge sprechen, die am Telefon oder in Anwesenheit Dritter einfach nicht beredbar sind. Und wie es auch bei manchen Ferngesprächen war, so ummantelt mich eine unbehagliche, dumpfe innere Stimme: Es gibt Menschen, die dich in ihrer Nähe haben wollen... Du hast ihn zurückgelassen.
Auf einmal sitzen wir da, Schulter an Schulter, und lassen wortlos Tränen auf den kalten Steinboden des Rheinufers tropfen.

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