Vor ein paar Wochen habe ich, aus einem puren nächtlichen, vielleicht etwas alkoholisierten und emotionalen Rausch heraus, Tinder auf meinem Smartphone installiert.
Damit wir - meine Freundin und ich - effizienter die Biographien der Tindermenschen nach Floskeln durchforsten können, die einen Lachkrampf zur Folge haben.
Irgendwie ist es passiert, dass ich auf einen Typen, der mich anschrieb, reagiert habe. Weil er irgendwie gute Worte verwendet hat. Und ich es - vielleicht schon aus Höflichkeit - für angemessen fand, darauf mindestens zu antworten.
Wie es dann dazu gekommen ist, dass ich nach fünf Tagen dieses Tinderding wieder löschte, ihm jedoch meine Nummer hinterließ, verstehe ich selber nicht so ganz. Was hatte ich mir dabei gedacht? Naiv geglaubt, dass sich dieser Kontakt nach ein paar Nachrichten sowieso in den Sand verebbt.
Ein Treffen war für mich von vornherein ausgeschlossen: weil beim Anblick von Fotos die Fantasie der Menschen aufblüht, man sich ein imaginär reales Bild dieser Person macht - ob man will oder nicht - und am Ende enttäuscht wird. Bei meiner eingeknickten Selbstachtung meines Äußeren ist nur verständlich, dass ich mich nicht freiwillig in eine Situation begebe, meinen Körper beurteilen zu lassen und dann in den Wind geschossen zu werden. Weil: Das. Geht. Direkt. Ins. Herz.
"Come on, sei nicht so ne Dramaqueen", sagen mir Freunde. Aber ach. Ich weiss, dass mich das nicht kalt lassen wird, wenn ich Erwartungen nicht entsprechen kann. Und da in solchen Situationen wie Tinder ohnehin auf der Hand liegt, dass man höchstwahrscheinlich nicht dem entspricht, was der andere erhofft - Ciao ciao, Baby.
Und trotzdem hielt sich der Kontakt auf einem ein- bis zweitägigen Rhythmus. Und ich anfing, den Fremden am anderen Ende des Netzes zu mögen. Weil er über persönliche Dinge berichtete, die nicht einfach durch mich durchzogen wie ein Windstoß. Und ich mir Gedanken machte. Und die Person auf irgendeine absurde Weise auch kennenlernte.
Meine Zweifel und Ängste begannen an die Oberfläche zu dringen. Dass ich die Person eigentlich sehen will, es aber nicht kann, weil ich weiss, nicht dem zu entsprechen, was er sich wahrscheinlich ausmalt. Weil ich weiss, dass unter Nervosität nur Blech oder Nichts aus meinem Mund kommt. Ich weiss, dass ich die Person bereits einen Ticken zu sehr mag und mich bereits zu sehr entblößt und verwundbar gemacht habe.
Als ich ihn dann das erste Mal - super spontan - traf, wusste ich nicht, wie es mir geht. Er war anders. Anders. Natürlich. Ob er mir gefällt? Unsicher. Wahrscheinlich hätte ich ihn unter anderen Umständen nicht wahrgenommen. Nur hatte ich zu dem Innenleben dieser Person bereits zu viele Informationen, als dass sein Äußeres diese Position noch ändern würde. Welche Art der Gefühle das sind, war bis dahin eigentlich völlig offen. Mal jede Romantik und sexuelle Anziehung weggelassen: mit seinem Inneren habe ich mich bereits auseinandergesetzt und auf einer puren allumfänglichen Ebene schätzen gelernt.
Nach dem Treffen bereitete sich ein großes Unbehagen in meiner Magengrube aus: wir sind doch an komplett anderen Standpunkten. Er, der solche Dates schon in rauer Menge erlebt hat und höchstwahrscheinlich zu einem Grade abgestumpft ist, als dass ihn das gefühlsmäßig irgendwie tangieren würde. Er, der sich problemlos mit Fremden treffen kann, ohne dass ihn das auf irgendeine Art trifft. Und zum nächsten Date übergeht. Wahrscheinlich ist seine Erwartungsgrenze bereits relativ hoch gesetzt, da er sich bei jedem Mal sagen kann: ach, es gibt noch 1000 andere, die besser sind.
Als er mir vier Tage danach eine Sprachnachricht schickte, war ich zu 200% überzeugt, dass er mir gerade sagen wird, was ich bereits fühle: Erwartungen nicht erfüllt. Passt nicht. Sorry. Ciao.
Ich konnte und wollte mir das nicht anhören, weil ich es auf menschlicher Ebene irgendwie scheisse fand, sich das per derartigen Medien zu kommunizieren. Ob er kurz reden kann, schrieb ich.
Seine Antwort war verwirrend. Einerseits stand da "Kinoeinladung". Andererseits stand da "Dringend? Lange?", was diese gefühlte Kühle und Genugtuung, die ich an ihm wahrgenommen habe, bestätigte. Mir war´s nicht mehr nach reden und schrieb, dass wir das lieber vertagen.
Und dann rief er an. Ich stammelte. Und fühlte mich in eine Position geworfen, in der ich nie sein wollte. Meine Anspannung, Verwirrtheit und wahrscheinlich auch Angst waren unüberhörbar. Ich hätte ihm eigentlich sagen wollen, dass ich das einfach noch sauber und korrekt abschließen will. So für die Psyche. Wegen emotionaler Nähe und so.
Stattdessen schnitt er kurz an, dass er mich mit ins Kino einladen wollte. Und ich - ohne nachzudenken - gestand, dass ich dachte, er wolle mir da sagen, dass er mich nicht mehr sehen will.
Trotz des Inhaltes des Gespräches und der Sprachnachricht, die ich mir danach anhörte, klang er gereizt, genervt, distanziert. Das passte einfach alles nicht zusammen.
Paradebeispiel einer Situation, wo das Schwarz-auf-Weiss-Geschriebene nicht dem Unausgesprochenen, aber deutlich wahrnehmbaren entspricht. Ein Tag später dann eine sehr lange Nachricht seinerseits:
Dass ihm nicht gefallen hat, wie angespannt ich am Telefon war.
Dass er daraus schließt, dass ich emotional mehr involviert bin als er.
Dass es bei ihm nicht so gefunkt hat, aber nichts gegen ein zweites Treffen gesprochen hätte.
Dass es aus obigem Grund aber so keine Grundlage mehr gibt.
Dass wir dennoch reden können. Oder auch nicht.
(Ist ihm wohl egal.)
(Ist ihm wohl egal.)
Ich las die Zeilen auf dem Weg zur Arbeit. Und - typisch ich - ärgerte mich, dass der Mensch es zu wagen glaubt, dass ich ihn mehr mag, als er mich. Beziehungsweise, dass er mir gefallen hat, aber nicht umgekehrt. Hat er mir gefallen? Ehrlich? Nein. Ja. Und nein. Vielleicht. Ich weiss es nicht. Aber das Innere macht manchmal auch das Äußere.
Oh. Große Worte.
Der Ärger machte dann dem Versöhnlichen platzt, da seine Worte und sein Handeln eigentlich mehr als korrekt waren.
Ja, lass mal reden.
Ja, lass mal reden.
Keine Ahnung, was ich eigentlich zu sagen habe. Ist eigentlich ohnehin erledigt. Whatever.
Ich wünschte, niemals auf die ersten Nachrichten geantwortet zu haben. Hätte ich das nur geahnt. Denn weh tut´s trotzdem.
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