Samstag, 30. November 2019

C - Selbstberuhigung

Die Stunden im Büro ziehen sich wie ein ausgeleiertes Gummiband in die Länge.

In meinem inneren spüre ich, wie sich Muskelgewebe zusammenzieht und wieder entspannt, worauf ein Schauer über meine Haut fliegt. Ein unangenehm, flaues Kontinuum aus Spannung, Loslassen und prickelndem Erschaudern. Mein Herz pocht für meinen Geschmack ein Müh zu schnelltaktisch.

Heute ist die Arbeit pure Ablenkung. Ich versuche, meinen Fokus auf die Zahlen in der Exceltabelle zu polen. Ich muss die letzten Stunden in vollen Zügen auskosten; die letzten Momente der Ungewissheit, die an sich eigentlich schon unerträglich zerrend sind.
Trotzdem: noch ist alles unausgesprochen, ungesagt, unberührt - und so irgendwie unwirklich. Oh, es ist so einfach, sich an einem winzigkleinen Krümel Hoffnung festzuhalten, auch wenn die Tatsachen mit überwältigendem Schwergewicht den Hoffnungskern zermalmen.

Hoffnung bleibt bis zuletzt. Ich klammer mich daran, sie nährt mich in diesen zerschmetternden Minuten. Lässt mich das allzu Offensichtliche, das hinter der Tür auf mich wartet, ausblenden.

Als ich nach Feierabend über die Türschwelle trete, umgibt mich ein unangenehmes Aufgebraustsein;  ich werfe Tasche und Schlüssel in eine Ecke und gehe zielgerichtet in die Küche, nehme determiniert, etwas grob und hastig ein kleines Glas und lasse den Rest Gewürztraminer hineinschwappen. Ich leere ihn in einem Zug.
Die Zeit vergeht schleppend. Um den inneren Gefühlsstau auszugleichen, rede ich mir die Lippen mit Herrn W. vom 3. Stock wund. Dann kommt E. dazu und zu dritt steigen wir die Kellertreppe hinab, bahnen uns geduckt den Weg durchs alte Steingewölbe bis zu der einen Tür, aus der Mucke, Rauch und Licht dringt.
F. und M. werkeln an einem Roller. Wir quetschen uns zusammen in den schmalen, voll gestopften Raum. M. baut, zündet an und reicht mir den Joint. Fuck it, denke ich, und ziehe.
Ich vergesse für einen Moment die Zeit. Herr W. ballert einen lustigen Satz nach dem anderen raus; wir schaukeln uns gegenseitig hoch, mein Bauch schmerzt von den Lachkrämpfen. Ich bin erschöpft. Es ist bereits nach elf Uhr abends. Muss auf Klo und verabschiede mich.

Bekifft und leicht angetrunken lege ich mich ins Bett zu meinem Mitbewohner. Ein Podcast läuft, er dämmert weg. Nach Mitternacht kommt eine Nachricht: muss morgen früh aufstehen, darf das Meeting nicht verpassen, hat Schiss, zu verpennen. Eine Nachricht nach der anderen folgt. Ich lache schallend auf. Wie ein kleines Kind, das rummstammelt und sich nicht traut, Klartext zu reden.
Auf einmal fühle ich mich superlässig, gechillt, völlig im Reinen und Rechten und verstehe nicht mehr, wo eigentlich das Problem liegt.

Ich vertage ohne Wimperzucken aufs Wochenende. Obwohl; auch da bin ich eigentlich ausgebucht. “Ich schau mal, ob ich da bin. Melde mich dann. Gut Nacht”, beende ich den Schreibdialog.

Mit federleichtem, vom Alkohol und Gras befreiten Kopf, schlafe ich ein.

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