Freitag, 27. Dezember 2019

Heimat - Teil 1

Sechshundertdreiundsechzig Tage später. 21:07 Uhr, Bus Nummer 50 Richtung SBB.
Der dunkle Teerboden glänzt von der Nässe des Regens.
Das Baseldeutsch erscheint mir gleichsam fremd und vertraut. Ich bin entsetzt über die sechs Franken, welche die BVB für die Busfahrt fordert. Das muss ein Fehler sein. Ich stehe verdattert vor dem grünen Kasten. Ein Herr bietet mir seine Hilfe an.
"Ich muss Richtung Badischer Bahnhof. Kann das sein, das ist so teuer?", frage ich auf Deutsch. Es kam automatisch so aus meinem Mundwerk.
Ich lasse mich ein auf das Touristenspielchen und amüsiere mich.
Tatsächlich, kein Irrtum: die städtischen Verkehrsbetriebe verlangen unverschämte 6,50 CHF für die Fahrt zu meinem Zielort. Das ist die Hälfte von dem, was ich für meine gesamte Hinreise bezahlt hatte! Was in den Jahren passiert ist. BVB-Inflation.

Ich bedanke mich bei dem Herren, der sich große Mühe gab und wahrscheinlich, vermute ich, es ganz lässig fand, mal sein gar nicht so schlechtes Hochdeutsch über Lippen und Zunge gleiten zu lassen.
Nicht, dass ich es den Eidgenösslern anhängen will, pauschal schlecht in der Hochversion zu reden; aber sind wir mal ehrlich: kaum jemand kriegt den Dialekt aus Sprechton und -rhythmus weg. Mich eingeschlossen. Aber immerhin werde ich inzwischen nicht mehr als Helvetierin enttarnt; Süddeutschland - manchmal auch Österreich - wird oft getippt, darauf lässt sich aufbauen.

Der Bus rollt durch die dunklen, so vertrauten Straßen. Der Kannenfeldplatz, wo ich so oft als junger Teenager meine damals engste Freundin besucht habe, später verlagerte sich mein Lebensmittelpunkt in die Nähe und ich kreuzte den Platz, um im selbnamigen Park zu lesen, in der dahinterliegenden Straße in dem sonntags geöffneten Migros Partner Notfalleinkäufe zu tätigen, weil die am Platz liegende Tankstelle ein unbefriedigend kleines Sortiment anbot, oder meine nun benachbarte Cousine zum Brotbacken zu besuchen.
Wir erreichen den Bahnhof, wo ich mit aufgerissenen Augen um mich blickend aussteige: nicht etwa, weil mir etwas ins Auge gestochen ist - ich kenne unübertrieben jede Ecke dieses Knotenpunktes -, ich mich aber auf einmal von Blicken unter Beschuss fühle. Ausgestellt wie ein Reh auf einer Lichtung, oder ein Waggis, der an einem Samstag im Hochsommer durch die Freienstraße läuft.
Hier könnte man potentiell jeden und jede treffen: Gundeli-, Neubad- und Bruderholzbewohner auf dem Weg zum oder vom Stadtinneren, die Baselbieter und grundsätzlich alle, die es vor 20:00 Uhr nicht zum Einkaufen geschafft haben. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass ich früher mal in der Gegend gelebt habe - als ich am Barfüßerplatz einfahre, glaube ich in jedem dritten Gesicht eine*n Bekannte*n zu sehen.
Als ich im Kleinbasel beim Messeplatz aussteige, habe ich jedoch nur zwei vertraute Gesichter gesichtet: mein bester Freund mit seinem Freund, die im Dunkeln mit hochgezogener Kapuze auf mich warten.

Samstag, 21. Dezember 2019

F - Ich bin okay. Ich bin okay! Ich bin okay?

Die letzten Tage dachte ich fast, es sei okay. Ich sei okay. Nur ein paar mal geweint, und dann nur alleine abends. 

Ich dachte schon, ich fühle nichts.
Und dann ein kleines Ereignis, das mein bildhaftes Gedankengut zum laufen bringt. Du mit ihr.
Die wunden Stellen geben ein Lebenszeichen. Und es brennt wie Hölle.

Zugeschüttet hab ich sie; mein Mechanismus, den ich langsam verstehe, baut Mauern um mein inneres Selbst. Gefühlstaub und leicht fühlt sich das an. 

Aber es ist eine Lüge. Eine gute, mich liebevolle umarmende und behütende Lüge. Weil mich die Wahrheit von innen zerfrisst.

Ich vermisse dich. Dich und uns, wie wir waren. 
Und zerbreche an dir im Jetzt.

Freitag, 6. Dezember 2019

E - Vermissen.

Dieser Sommer. Alles, was war. So schnell, so überraschend, so intensiv. War das alles nichts für dich? War ich dein Trostbier, womit du dir deine Einsamkeit weggesoffen hast?
Wenn du wüsstest, wie oft ich mich "warum" gefragt habe - warum du aufgetaucht bist, sobald ich da war. Warum du mir schriebst. Warum wir uns so oft sahen. Jeden zweiten, dritten Tag bei dir in diesen Sommernächten. Warum?

Ich, die sowas von dicke auf ihr Mundwerk gefallen ist. Der es in deiner Nähe den  Atem und die Sprache verschlagen hat. Krampfhaft versucht hat, sich zu beruhigen und zu ihrem natürlichen Humor und gewohnter kommunikativer Sicherheit zurückzufinden. Die in  deiner Gegenwart zu ihrem vierzehnjähriges Selbst geworden ist. Und ich mich jedesmal Ohrfeigen wollte. Wo war meine große Klappe geblieben? Mein ausserordentliches Faible, selbst aus oberflächlich Unlustigem die Spaßigkeit hervorzukitzeln?
Ja, ich verstehe. Dass das nicht genügt hat. Und ich dich sehe, jetzt, mit einer Person, die dir gut tun wird. Witzig, klug, bodenständig, direkt und absolut nicht auf die Schnauze gefallen. Absolut authentisch, selbstsicher
.
Und. das. tut. weh. So weh. Denn innerlich weiss ich: ich bin so viel mehr. Ich bin nicht gedankenlos, stumpf, bider, geistlos. Oh. Ich fühle mich innerlich gefangen. In mir selbst.
Und dann. Dann kommt die Wut. Verdammter Kackspasst! Warum behandelst du mich wie ein zimperlich, feinhäutiges und reissbares Tachentuch, das du nach dem Schnoddern rücklings in deinen Papierkorb rechts neben deiner Zimmertür schleuderst (By the way: du triffst sowieso nicht!!!)? Dass du es wagst, mich als das Opfer darzustellen - "Oh, vielleicht sollte ich es dir mal mitteilen, dass du leider nicht mehr bist für mich". Auf was für einem langbeinigen Muskelhengst sitzt du bitte, dass du es wagst, auch nur anzunehmen, dass ich mehr für dich empfinde? Und mich als den armen dritten Schuh hinstellst, den du jetzt schnell wegschmeissen musst? Bist du komplett bescheuert?
Du findest dich ziemlich gut, gell? Aber so richtig? So richtig, richtig? Darf ich Sie daran erinnern, dass SIE sich immer gemeldet haben? SIE, verdammt nochmal, SIE, Herr Marlowsky?!

Da kommt keine Flüssigkeit mehr aus meinen Augen. Ich glaube, es ist leer. Ich fühl mich taub. Ein pulsierendes, dumpfes Schmerzgefühl, wie nach einem schweren Aufprall. Ich will nur schlafen. Abschalten. Meine Augen brennen. Mein Herz pocht viel zu schnell, als dass ich in den Schlaf hinweg driften könnte. So viele Bilder schweben durch mein Bewusstseinsstübchen. All die Worte. Die Worte... und jagen mir bei jedem Erinnern einen Stromschlag durch meine Körpermitte. Stunden liege ich so da. Wie ein Albtraum, aus dem ich nicht aufwachen kann. Ich versuche, mir süße Lügengeschichten in den Kopf zu prägen. Vielleicht hilft es.

Dieser Sommer.
Dieses Mal halt ich die Welt an und dreh die Zeit zurück.
Dieses Mal küsst du mich.
Ich drehe die Zeit zurück. Und dann küsst du mich.

Donnerstag, 5. Dezember 2019

DD - Messerstiche

[Fortsetzung zu D]

Unüberschaubar; diese schafsflauschige, dezent extravagante Jacke und die unnatürlich leuchtenden Haare. Sein Mitbewohner.

Ich rauche und starre megabusy auf das Handydisplay. Meine Ohren sind scharf auf die Schallquelle von dem Mitbewohner mit seiner Begleitung gelenkt. Ich schaue rüber. Er sieht mich.
Steht auf, grüßt mich überrascht. Ich strecke ihm mein Feuer hin.

Oh. Hast du mitgehört, lacht er. Perfekt, danke.
Ich setze mich zu ihnen. Reden darüber, wer ich bin, sie ist, woher ich und Herr Schafsjacke uns kennen, und so.

Und dann. Ich sehe, wie Schafsjacke seinen Kopf hebt und Richtung Treppe blickt.
Er ist hier. Begrüßt uns. Kniet sich neben uns. Begrüßt mich mit einem "Na" und Umarmung.
Geht links um uns herum, setzt sich links neben mich.

Sorry. Habe verpeilt, dass du ja heute hier bist, wegen Gästeliste.
Kein Ding.
Hättest mich nochmal erinnern können.
Wirklich, ist nicht wichtig. Kein Ding.
Ja, aber du kannst mich trotzdem in Zukunft erinnern.
Ja, ok. In Zukunft frag ich dich dann.
Danke übrigens für die Vorhänge.
Hatte ich ja versprochen.
Ich werde es aber wahrscheinlich erst nächste Woche schaffen, die aufzuhängen.
Du, das ist...
...Die Woche ist so voll bei mir, aber nächste Woche sollte ich das hinkriegen.
Hey, du kannst damit tun und lassen, was du willst. Sind deine.

Es fallen noch ein paar Floskeln. Das Konzert ist vorbei.
Ich suche meine Freundin. Finde sie. Große Freude. Vorstellung in der Runde.
Ob ich noch in ne Bar mit ihnen ziehe. Ist zu weit weg, finde ich.
Verabschiedung.

Ich bleibe im sich leerenden Konzertsaal. Und laufe ihr in die Arme.
Was tust du denn hier?
Ach. Ich hole den Herren ab, sagt sie und rammt mir ein Messer in die Brust.
Der Schmerz und die zerplatzten inneren Organe schneiden mir die Luft ab.
Ich lache und nicke, als sie mich auf ne Kippe fragt.
Nebeneinander sitzend rauchen und reden wir über Arbeit, Studium und Frauenärzte.
Und sonst so bei dir? Sie zuckt die Schultern.
Und sonst soooo?, sage ich mit einem auffällig breiten Grinsen.
Ich dachte, ihr habt geredet. Antwortet sie, und rammt mir ein zweites Messen in den Brustkorb.
Na, er hat nicht gesagt, wer´s ist; flöte ich unschuldig daher.

Wir plaudern weiter. Der Saal leert sich mehr und mehr. Er und der Bekannte räumen leere Bierflaschen in den Lagerraum. Aus den Augenwinkel bemerke ich seine Blicke, die unruhig zu uns beiden hinüber gleiten. Richtig so, keucht mein Inneres, triefend vom strömenden Blut, das die Kehle füllt. Sei unruhig. Fühl dich unwohl. Jawohl.

Irgendwann sitzen wir nur noch zu viert in dem leeren Club. In eine Kneipe wollen wir weiterziehen.
Draußen verabschiede ich mich.
Wie, du kommst nicht mit?, fragt der Bekannte.
Hm?, macht er.
Aber du wohnst doch auch in dieser Richtung, sagt der Bekannte.
Ja, aber ich gehe nicht nach Hause.
Ok.
Ok.
...Okay.

Verabschiedung.

Ich drehe mich um. Laufe die dunkle Straße entlang. Und das Wasser fließt mir aus den Lidern.
Im Bett wälze ich mich hin und her. Ich wimmere. Schluchze. Der Schlaf entzieht sich mir und ich werde fast verrückt.

Ich schlafe ein, getrieft in einer Lache aus Wasser und Blut.

D - Danach

Mucke an der Grenze zu Schrott dröhnt von der Bühne in dem kleinen Konzertclub. Ich will nur eine Freundin, die die Band echt feiert, besuchen, da sie eigentlich im nördlichen Ausland wohnt.
Vor dem Club bleib ich stehen. So viele Leute. Mir widerstrebt´s. An der Bar sehe ich durchs Fenster ein bekanntes Gesicht. Immerhin.

Ich atme ein, öffne die Tür.
Yo, Security Men. Yo, Dame an der Kasse. Sie fragt mich was. Ich antworte irgendwas. Sie sagt nochmal was. Ich auch.
Ah, English?
Yeah, sorry, better. Guestlist?
No, I don’t think I’m on the guestlist. Ich spüre ein Stich in meiner Brust. Do I still get in here somehow?
Yeah, sure. 19€.
Ich drücke ihr nen Zwanni in die Hand.
Do I get a stamp or something?
Nope.
So, will you remember me?, sage ich im Scherz.
Jetzt nicht mehr rausgehen, sagt der Security Guy.
Wie.
Drinne bleiben. Wir haben allet hier; Bier, Shots, oben kannste rauchen so viel du willst. Enjoy.
Ich heb den Daumen und laufe in die Masse.

Meine Freundin suche ich vergeblich. Ich sag dem Bekannten an der Bar hallo.
Er wirkt merkwürdig. Überrascht, mich zu sehen. Ich hab ein flaues Gefühl, überspiele es gekonnt. Als wäre nichts.
Es ist ja auch nichts.
Oder? Was weiß er?
Überhaupt: was zur Hölle ist gerade los?

Ich wandere eine Weile durch die Menge. Ich finde oben den Raucherbereich. Die Musik überfordert mich. Ich setze mich auf die Couch, drehe, zünde, rauche.
Meine Hand zittert. Flashbacks zum letzten Mal, als ich hier war. Kaum 5 Wochen her.
Und jetzt. Alles anders. Fragen über Fragen.
Was zur Hölle ist passiert?

Ich beschließe, oben zu bleiben und zu warten, bis die fertiggespielt haben. Ciao ciao, 19€.

Ein Typ setzt sich neben mich.
Darf ich mir eine von dir drehen?
Na klar.
Diese Sucht...
Ja, echt schlimm.
Darf man unten auch rauchen?
Ich glaube da bei der Bar, ja.
Na, die Kiffer kriegt man auch nimmer raus. Ich kann mir auf keiner Betriebsfeier eine drehen, da is man gleich abgestempelt.
Was? Wo arbeitest denn du, dass du das nicht auf ner Feier machen kannst?
Aufm Bau. Aber ne, die sind eigentlich voll locker. Aber irgendwie hat man dann gleich so´n schlechten Ruf. Hast du Feuer?
Klar.
Also, merci beaucoup.
De rien.
De rien?
Oué.
Je m’appelle Jean Mike.
Was?
Keine Ahnung, das is alles, was ich kann. Ciao.

Er verschwindet die Treppe nach unten.
Ich lächle und drehe mir ne zweite.
Kurze Zeit später:
Sorry, darf ich nochmal dein Feuer? Unten darf man doch nich rauchen.
Ah, na dann nur zu bestimmten Zeitpunkten.
Ja, ich soll ja sowieso nich rauchen.
Ahja, stimmt. Sollste nich.
Ne. Ah, was laber ich da wieder für ne Scheisse. Merci beaucoup!
Immer noch de rien.

Und weg isser.

Ich geh nach unten. Will zur Bar und mir nen Shot holen.
Scheisse. Da steht der Mensch an der Kasse. Und rechnet.
Ich flüchte in die Menge. Dränge mich an den anderen Rand des Saals.

Die Mucke überfordert mich.
Mein Trommelfell platzt. Nach einer Weile verziehe ich mich wieder nach oben. Anschleichende Paranoia. Was für ne Kacke.
Ich nehme weisse Sneakers wahr. Die kenne ich. Mir wird heiss. Ganz langsam hebe ich den Blick.
Ich atme innerlich tief aus. Nur der Typ von vorhin. Again.

Und dann sehe ich jemanden vorbeigehen. Unmerklich schiele ich hoch. Den kenne ich.

[to be continued]