Freitag, 27. Dezember 2019

Heimat - Teil 1

Sechshundertdreiundsechzig Tage später. 21:07 Uhr, Bus Nummer 50 Richtung SBB.
Der dunkle Teerboden glänzt von der Nässe des Regens.
Das Baseldeutsch erscheint mir gleichsam fremd und vertraut. Ich bin entsetzt über die sechs Franken, welche die BVB für die Busfahrt fordert. Das muss ein Fehler sein. Ich stehe verdattert vor dem grünen Kasten. Ein Herr bietet mir seine Hilfe an.
"Ich muss Richtung Badischer Bahnhof. Kann das sein, das ist so teuer?", frage ich auf Deutsch. Es kam automatisch so aus meinem Mundwerk.
Ich lasse mich ein auf das Touristenspielchen und amüsiere mich.
Tatsächlich, kein Irrtum: die städtischen Verkehrsbetriebe verlangen unverschämte 6,50 CHF für die Fahrt zu meinem Zielort. Das ist die Hälfte von dem, was ich für meine gesamte Hinreise bezahlt hatte! Was in den Jahren passiert ist. BVB-Inflation.

Ich bedanke mich bei dem Herren, der sich große Mühe gab und wahrscheinlich, vermute ich, es ganz lässig fand, mal sein gar nicht so schlechtes Hochdeutsch über Lippen und Zunge gleiten zu lassen.
Nicht, dass ich es den Eidgenösslern anhängen will, pauschal schlecht in der Hochversion zu reden; aber sind wir mal ehrlich: kaum jemand kriegt den Dialekt aus Sprechton und -rhythmus weg. Mich eingeschlossen. Aber immerhin werde ich inzwischen nicht mehr als Helvetierin enttarnt; Süddeutschland - manchmal auch Österreich - wird oft getippt, darauf lässt sich aufbauen.

Der Bus rollt durch die dunklen, so vertrauten Straßen. Der Kannenfeldplatz, wo ich so oft als junger Teenager meine damals engste Freundin besucht habe, später verlagerte sich mein Lebensmittelpunkt in die Nähe und ich kreuzte den Platz, um im selbnamigen Park zu lesen, in der dahinterliegenden Straße in dem sonntags geöffneten Migros Partner Notfalleinkäufe zu tätigen, weil die am Platz liegende Tankstelle ein unbefriedigend kleines Sortiment anbot, oder meine nun benachbarte Cousine zum Brotbacken zu besuchen.
Wir erreichen den Bahnhof, wo ich mit aufgerissenen Augen um mich blickend aussteige: nicht etwa, weil mir etwas ins Auge gestochen ist - ich kenne unübertrieben jede Ecke dieses Knotenpunktes -, ich mich aber auf einmal von Blicken unter Beschuss fühle. Ausgestellt wie ein Reh auf einer Lichtung, oder ein Waggis, der an einem Samstag im Hochsommer durch die Freienstraße läuft.
Hier könnte man potentiell jeden und jede treffen: Gundeli-, Neubad- und Bruderholzbewohner auf dem Weg zum oder vom Stadtinneren, die Baselbieter und grundsätzlich alle, die es vor 20:00 Uhr nicht zum Einkaufen geschafft haben. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass ich früher mal in der Gegend gelebt habe - als ich am Barfüßerplatz einfahre, glaube ich in jedem dritten Gesicht eine*n Bekannte*n zu sehen.
Als ich im Kleinbasel beim Messeplatz aussteige, habe ich jedoch nur zwei vertraute Gesichter gesichtet: mein bester Freund mit seinem Freund, die im Dunkeln mit hochgezogener Kapuze auf mich warten.

Samstag, 21. Dezember 2019

F - Ich bin okay. Ich bin okay! Ich bin okay?

Die letzten Tage dachte ich fast, es sei okay. Ich sei okay. Nur ein paar mal geweint, und dann nur alleine abends. 

Ich dachte schon, ich fühle nichts.
Und dann ein kleines Ereignis, das mein bildhaftes Gedankengut zum laufen bringt. Du mit ihr.
Die wunden Stellen geben ein Lebenszeichen. Und es brennt wie Hölle.

Zugeschüttet hab ich sie; mein Mechanismus, den ich langsam verstehe, baut Mauern um mein inneres Selbst. Gefühlstaub und leicht fühlt sich das an. 

Aber es ist eine Lüge. Eine gute, mich liebevolle umarmende und behütende Lüge. Weil mich die Wahrheit von innen zerfrisst.

Ich vermisse dich. Dich und uns, wie wir waren. 
Und zerbreche an dir im Jetzt.

Freitag, 6. Dezember 2019

E - Vermissen.

Dieser Sommer. Alles, was war. So schnell, so überraschend, so intensiv. War das alles nichts für dich? War ich dein Trostbier, womit du dir deine Einsamkeit weggesoffen hast?
Wenn du wüsstest, wie oft ich mich "warum" gefragt habe - warum du aufgetaucht bist, sobald ich da war. Warum du mir schriebst. Warum wir uns so oft sahen. Jeden zweiten, dritten Tag bei dir in diesen Sommernächten. Warum?

Ich, die sowas von dicke auf ihr Mundwerk gefallen ist. Der es in deiner Nähe den  Atem und die Sprache verschlagen hat. Krampfhaft versucht hat, sich zu beruhigen und zu ihrem natürlichen Humor und gewohnter kommunikativer Sicherheit zurückzufinden. Die in  deiner Gegenwart zu ihrem vierzehnjähriges Selbst geworden ist. Und ich mich jedesmal Ohrfeigen wollte. Wo war meine große Klappe geblieben? Mein ausserordentliches Faible, selbst aus oberflächlich Unlustigem die Spaßigkeit hervorzukitzeln?
Ja, ich verstehe. Dass das nicht genügt hat. Und ich dich sehe, jetzt, mit einer Person, die dir gut tun wird. Witzig, klug, bodenständig, direkt und absolut nicht auf die Schnauze gefallen. Absolut authentisch, selbstsicher
.
Und. das. tut. weh. So weh. Denn innerlich weiss ich: ich bin so viel mehr. Ich bin nicht gedankenlos, stumpf, bider, geistlos. Oh. Ich fühle mich innerlich gefangen. In mir selbst.
Und dann. Dann kommt die Wut. Verdammter Kackspasst! Warum behandelst du mich wie ein zimperlich, feinhäutiges und reissbares Tachentuch, das du nach dem Schnoddern rücklings in deinen Papierkorb rechts neben deiner Zimmertür schleuderst (By the way: du triffst sowieso nicht!!!)? Dass du es wagst, mich als das Opfer darzustellen - "Oh, vielleicht sollte ich es dir mal mitteilen, dass du leider nicht mehr bist für mich". Auf was für einem langbeinigen Muskelhengst sitzt du bitte, dass du es wagst, auch nur anzunehmen, dass ich mehr für dich empfinde? Und mich als den armen dritten Schuh hinstellst, den du jetzt schnell wegschmeissen musst? Bist du komplett bescheuert?
Du findest dich ziemlich gut, gell? Aber so richtig? So richtig, richtig? Darf ich Sie daran erinnern, dass SIE sich immer gemeldet haben? SIE, verdammt nochmal, SIE, Herr Marlowsky?!

Da kommt keine Flüssigkeit mehr aus meinen Augen. Ich glaube, es ist leer. Ich fühl mich taub. Ein pulsierendes, dumpfes Schmerzgefühl, wie nach einem schweren Aufprall. Ich will nur schlafen. Abschalten. Meine Augen brennen. Mein Herz pocht viel zu schnell, als dass ich in den Schlaf hinweg driften könnte. So viele Bilder schweben durch mein Bewusstseinsstübchen. All die Worte. Die Worte... und jagen mir bei jedem Erinnern einen Stromschlag durch meine Körpermitte. Stunden liege ich so da. Wie ein Albtraum, aus dem ich nicht aufwachen kann. Ich versuche, mir süße Lügengeschichten in den Kopf zu prägen. Vielleicht hilft es.

Dieser Sommer.
Dieses Mal halt ich die Welt an und dreh die Zeit zurück.
Dieses Mal küsst du mich.
Ich drehe die Zeit zurück. Und dann küsst du mich.

Donnerstag, 5. Dezember 2019

DD - Messerstiche

[Fortsetzung zu D]

Unüberschaubar; diese schafsflauschige, dezent extravagante Jacke und die unnatürlich leuchtenden Haare. Sein Mitbewohner.

Ich rauche und starre megabusy auf das Handydisplay. Meine Ohren sind scharf auf die Schallquelle von dem Mitbewohner mit seiner Begleitung gelenkt. Ich schaue rüber. Er sieht mich.
Steht auf, grüßt mich überrascht. Ich strecke ihm mein Feuer hin.

Oh. Hast du mitgehört, lacht er. Perfekt, danke.
Ich setze mich zu ihnen. Reden darüber, wer ich bin, sie ist, woher ich und Herr Schafsjacke uns kennen, und so.

Und dann. Ich sehe, wie Schafsjacke seinen Kopf hebt und Richtung Treppe blickt.
Er ist hier. Begrüßt uns. Kniet sich neben uns. Begrüßt mich mit einem "Na" und Umarmung.
Geht links um uns herum, setzt sich links neben mich.

Sorry. Habe verpeilt, dass du ja heute hier bist, wegen Gästeliste.
Kein Ding.
Hättest mich nochmal erinnern können.
Wirklich, ist nicht wichtig. Kein Ding.
Ja, aber du kannst mich trotzdem in Zukunft erinnern.
Ja, ok. In Zukunft frag ich dich dann.
Danke übrigens für die Vorhänge.
Hatte ich ja versprochen.
Ich werde es aber wahrscheinlich erst nächste Woche schaffen, die aufzuhängen.
Du, das ist...
...Die Woche ist so voll bei mir, aber nächste Woche sollte ich das hinkriegen.
Hey, du kannst damit tun und lassen, was du willst. Sind deine.

Es fallen noch ein paar Floskeln. Das Konzert ist vorbei.
Ich suche meine Freundin. Finde sie. Große Freude. Vorstellung in der Runde.
Ob ich noch in ne Bar mit ihnen ziehe. Ist zu weit weg, finde ich.
Verabschiedung.

Ich bleibe im sich leerenden Konzertsaal. Und laufe ihr in die Arme.
Was tust du denn hier?
Ach. Ich hole den Herren ab, sagt sie und rammt mir ein Messer in die Brust.
Der Schmerz und die zerplatzten inneren Organe schneiden mir die Luft ab.
Ich lache und nicke, als sie mich auf ne Kippe fragt.
Nebeneinander sitzend rauchen und reden wir über Arbeit, Studium und Frauenärzte.
Und sonst so bei dir? Sie zuckt die Schultern.
Und sonst soooo?, sage ich mit einem auffällig breiten Grinsen.
Ich dachte, ihr habt geredet. Antwortet sie, und rammt mir ein zweites Messen in den Brustkorb.
Na, er hat nicht gesagt, wer´s ist; flöte ich unschuldig daher.

Wir plaudern weiter. Der Saal leert sich mehr und mehr. Er und der Bekannte räumen leere Bierflaschen in den Lagerraum. Aus den Augenwinkel bemerke ich seine Blicke, die unruhig zu uns beiden hinüber gleiten. Richtig so, keucht mein Inneres, triefend vom strömenden Blut, das die Kehle füllt. Sei unruhig. Fühl dich unwohl. Jawohl.

Irgendwann sitzen wir nur noch zu viert in dem leeren Club. In eine Kneipe wollen wir weiterziehen.
Draußen verabschiede ich mich.
Wie, du kommst nicht mit?, fragt der Bekannte.
Hm?, macht er.
Aber du wohnst doch auch in dieser Richtung, sagt der Bekannte.
Ja, aber ich gehe nicht nach Hause.
Ok.
Ok.
...Okay.

Verabschiedung.

Ich drehe mich um. Laufe die dunkle Straße entlang. Und das Wasser fließt mir aus den Lidern.
Im Bett wälze ich mich hin und her. Ich wimmere. Schluchze. Der Schlaf entzieht sich mir und ich werde fast verrückt.

Ich schlafe ein, getrieft in einer Lache aus Wasser und Blut.

D - Danach

Mucke an der Grenze zu Schrott dröhnt von der Bühne in dem kleinen Konzertclub. Ich will nur eine Freundin, die die Band echt feiert, besuchen, da sie eigentlich im nördlichen Ausland wohnt.
Vor dem Club bleib ich stehen. So viele Leute. Mir widerstrebt´s. An der Bar sehe ich durchs Fenster ein bekanntes Gesicht. Immerhin.

Ich atme ein, öffne die Tür.
Yo, Security Men. Yo, Dame an der Kasse. Sie fragt mich was. Ich antworte irgendwas. Sie sagt nochmal was. Ich auch.
Ah, English?
Yeah, sorry, better. Guestlist?
No, I don’t think I’m on the guestlist. Ich spüre ein Stich in meiner Brust. Do I still get in here somehow?
Yeah, sure. 19€.
Ich drücke ihr nen Zwanni in die Hand.
Do I get a stamp or something?
Nope.
So, will you remember me?, sage ich im Scherz.
Jetzt nicht mehr rausgehen, sagt der Security Guy.
Wie.
Drinne bleiben. Wir haben allet hier; Bier, Shots, oben kannste rauchen so viel du willst. Enjoy.
Ich heb den Daumen und laufe in die Masse.

Meine Freundin suche ich vergeblich. Ich sag dem Bekannten an der Bar hallo.
Er wirkt merkwürdig. Überrascht, mich zu sehen. Ich hab ein flaues Gefühl, überspiele es gekonnt. Als wäre nichts.
Es ist ja auch nichts.
Oder? Was weiß er?
Überhaupt: was zur Hölle ist gerade los?

Ich wandere eine Weile durch die Menge. Ich finde oben den Raucherbereich. Die Musik überfordert mich. Ich setze mich auf die Couch, drehe, zünde, rauche.
Meine Hand zittert. Flashbacks zum letzten Mal, als ich hier war. Kaum 5 Wochen her.
Und jetzt. Alles anders. Fragen über Fragen.
Was zur Hölle ist passiert?

Ich beschließe, oben zu bleiben und zu warten, bis die fertiggespielt haben. Ciao ciao, 19€.

Ein Typ setzt sich neben mich.
Darf ich mir eine von dir drehen?
Na klar.
Diese Sucht...
Ja, echt schlimm.
Darf man unten auch rauchen?
Ich glaube da bei der Bar, ja.
Na, die Kiffer kriegt man auch nimmer raus. Ich kann mir auf keiner Betriebsfeier eine drehen, da is man gleich abgestempelt.
Was? Wo arbeitest denn du, dass du das nicht auf ner Feier machen kannst?
Aufm Bau. Aber ne, die sind eigentlich voll locker. Aber irgendwie hat man dann gleich so´n schlechten Ruf. Hast du Feuer?
Klar.
Also, merci beaucoup.
De rien.
De rien?
Oué.
Je m’appelle Jean Mike.
Was?
Keine Ahnung, das is alles, was ich kann. Ciao.

Er verschwindet die Treppe nach unten.
Ich lächle und drehe mir ne zweite.
Kurze Zeit später:
Sorry, darf ich nochmal dein Feuer? Unten darf man doch nich rauchen.
Ah, na dann nur zu bestimmten Zeitpunkten.
Ja, ich soll ja sowieso nich rauchen.
Ahja, stimmt. Sollste nich.
Ne. Ah, was laber ich da wieder für ne Scheisse. Merci beaucoup!
Immer noch de rien.

Und weg isser.

Ich geh nach unten. Will zur Bar und mir nen Shot holen.
Scheisse. Da steht der Mensch an der Kasse. Und rechnet.
Ich flüchte in die Menge. Dränge mich an den anderen Rand des Saals.

Die Mucke überfordert mich.
Mein Trommelfell platzt. Nach einer Weile verziehe ich mich wieder nach oben. Anschleichende Paranoia. Was für ne Kacke.
Ich nehme weisse Sneakers wahr. Die kenne ich. Mir wird heiss. Ganz langsam hebe ich den Blick.
Ich atme innerlich tief aus. Nur der Typ von vorhin. Again.

Und dann sehe ich jemanden vorbeigehen. Unmerklich schiele ich hoch. Den kenne ich.

[to be continued]

Samstag, 30. November 2019

C - Selbstberuhigung

Die Stunden im Büro ziehen sich wie ein ausgeleiertes Gummiband in die Länge.

In meinem inneren spüre ich, wie sich Muskelgewebe zusammenzieht und wieder entspannt, worauf ein Schauer über meine Haut fliegt. Ein unangenehm, flaues Kontinuum aus Spannung, Loslassen und prickelndem Erschaudern. Mein Herz pocht für meinen Geschmack ein Müh zu schnelltaktisch.

Heute ist die Arbeit pure Ablenkung. Ich versuche, meinen Fokus auf die Zahlen in der Exceltabelle zu polen. Ich muss die letzten Stunden in vollen Zügen auskosten; die letzten Momente der Ungewissheit, die an sich eigentlich schon unerträglich zerrend sind.
Trotzdem: noch ist alles unausgesprochen, ungesagt, unberührt - und so irgendwie unwirklich. Oh, es ist so einfach, sich an einem winzigkleinen Krümel Hoffnung festzuhalten, auch wenn die Tatsachen mit überwältigendem Schwergewicht den Hoffnungskern zermalmen.

Hoffnung bleibt bis zuletzt. Ich klammer mich daran, sie nährt mich in diesen zerschmetternden Minuten. Lässt mich das allzu Offensichtliche, das hinter der Tür auf mich wartet, ausblenden.

Als ich nach Feierabend über die Türschwelle trete, umgibt mich ein unangenehmes Aufgebraustsein;  ich werfe Tasche und Schlüssel in eine Ecke und gehe zielgerichtet in die Küche, nehme determiniert, etwas grob und hastig ein kleines Glas und lasse den Rest Gewürztraminer hineinschwappen. Ich leere ihn in einem Zug.
Die Zeit vergeht schleppend. Um den inneren Gefühlsstau auszugleichen, rede ich mir die Lippen mit Herrn W. vom 3. Stock wund. Dann kommt E. dazu und zu dritt steigen wir die Kellertreppe hinab, bahnen uns geduckt den Weg durchs alte Steingewölbe bis zu der einen Tür, aus der Mucke, Rauch und Licht dringt.
F. und M. werkeln an einem Roller. Wir quetschen uns zusammen in den schmalen, voll gestopften Raum. M. baut, zündet an und reicht mir den Joint. Fuck it, denke ich, und ziehe.
Ich vergesse für einen Moment die Zeit. Herr W. ballert einen lustigen Satz nach dem anderen raus; wir schaukeln uns gegenseitig hoch, mein Bauch schmerzt von den Lachkrämpfen. Ich bin erschöpft. Es ist bereits nach elf Uhr abends. Muss auf Klo und verabschiede mich.

Bekifft und leicht angetrunken lege ich mich ins Bett zu meinem Mitbewohner. Ein Podcast läuft, er dämmert weg. Nach Mitternacht kommt eine Nachricht: muss morgen früh aufstehen, darf das Meeting nicht verpassen, hat Schiss, zu verpennen. Eine Nachricht nach der anderen folgt. Ich lache schallend auf. Wie ein kleines Kind, das rummstammelt und sich nicht traut, Klartext zu reden.
Auf einmal fühle ich mich superlässig, gechillt, völlig im Reinen und Rechten und verstehe nicht mehr, wo eigentlich das Problem liegt.

Ich vertage ohne Wimperzucken aufs Wochenende. Obwohl; auch da bin ich eigentlich ausgebucht. “Ich schau mal, ob ich da bin. Melde mich dann. Gut Nacht”, beende ich den Schreibdialog.

Mit federleichtem, vom Alkohol und Gras befreiten Kopf, schlafe ich ein.

Dienstag, 26. November 2019

B - Vor dem Sturm

Meine Brust zieht sich zusammen. Ein Ziehen, Spannen; dann ein Lösen gefolgt von einem Schauder, der über meinen Rücken gleitet.

« ... ich will mit dir sprechen, aber alleine»

Die Buchstaben leuchten tiefschwarz auf dem grellen Weiss des rechteckigen Bildschirms. Stechend brennen sich die Worte in meine Retina. Mir rauschen die Ohren vom pochenden Blutstrom.

Scheisse. Verdammt. Hilfe. Nein. Nein nein nein nein nein nein. Nein!

Im Geiste schüttle ich heftig und stur mit meinem Kopf.

Panik umarmt mich. Reflexartig tasten meine Gedanken nach Fluchtwegen. Auf einmal habe ich den Drang, mich mit M. zu verabreden. Und R., den wollte ich doch lange schonmal treffen.
Und was läuft eigentlich gerade im Theater? Oh, und das Museumsticket liegt auch noch unberührt auf dem Nachttisch.
Und mit J. endlich endlich mal unseren Moneypenny-Stammtisch abhalten.
Die Hose nähen. Das eine Buch fertiglesen und all diejenigen beginnen, die ich mit guten Absichten angeschafft und bedauerlicherweise direkt auf der Fensterbank verstauben lassen habe.
Wieder Japanisch lernen.
Zeichnen.
Mir ne Leinwand kaufen. Und Acrylfarbe.
Endlich zum Arzt wegen meinen Knien gehn.
Die Seminararbeit schreiben.
Der Geburtstag von Y am Samstag.
Und M. kommt zurück !!!!

Fluchtwege. Wo sind die verschissenen Hintertreppchen!?!

Ich sehe, wie der Schmerz sich in meiner nahen Zukunft auf den Weg stellt. Ich weiss, was kommen wird.
« Ich mag dich ja, aber nicht so. Deshalb können wir uns nicht mehr sehen » oder « es is mir zu viel, dieser Kontakt ». Ja. Selbst schuld, hättest halt nicht so oft schreiben müssen, dumme Kuh.

Auf keinen Fall will ich, dass er sich was einbildet. Den Triumph gönne ich Ihnen nicht, Mister.
Sollst dich bloß nicht zu geil fühlen, da oben.
Panik zerfliesst in Wut.
Ich werde den Teufel tun. Locker sein, wie immer, dir sagen, dass ich dein Verhalten nicht verstehe. Mich gefragt hab, ob was passiert ist. Oder ob ich was Falsches getan oder gesagt habe. Ich mir leider nur nicht erdenken kann, was es war.

Vielleicht beginnen wir ja mit Smalltalk. Dann erzähl ich dir, wie meine Reise war. Und warum es so anstrengend und gefühlsaufwühlend war; wie ich dir ja geschrieben hatte.
Dass ich da einen alten Freund wiedergetroffen hab. Viele alte Gefühle geweckt wurden, mich verwirrt haben. Dass es intensiv und schön und selbzeitig schmerzhaft war, meine alte, ewige Flamme wiederzusehen.
Über den ich noch immer nicht vollends hinweg bin.

So. Ja. « Alles nicht so einfach », werde ich seufzen. « So, worüber wolltest du mit mir sprechen? Ich finde wirklich, du benimmst dich seltsam die letzte Zeit... »

Tausend Szenarien halten mich vom Schlafen ab.

Als der Wecker morgens klingelt, fühle ich mich wie von einer Walze geplättet. Ich hab geschwollene Augen und Schatten bis zu den Wangen.
Robotisch kleide ich mich und fahre zur Arbeit.
Ich kann mich nur wage an die vergangene Nacht erinnern. Alles was bleibt ist: mein guter Kumpel will sich wieder mal aussprechen. Vielleicht hat er endlich mal ne heisse Schnitte kennengelernt. Ich grinse und kann es kaum erwarten, ihm von meinem alten Typen zu erzählen.

Montag, 25. November 2019

A - Table for One.

Du hast die Nacht zum Leuchten gebracht.
Der Puls beschleunigt, der Atem schnell, die Kerze flackert, die Zigaretten dampfen.
Schau, ich mag sowas eigentlich nicht. Lassen wir das mit der Dramatik...

Aber, ich will nicht, dass du gehst. Dass ich gehe. Dass wir gehen. Wir uns verlassen, heute Nacht, an diesem Tisch.
Ich stehe auf, bereit, zu gehen. Ich ringe mit mir. Will dir "Gute Nacht" sagen. In mir flackert ein winzigkleines Stück Hoffnung, dass du mich bittest zu bleiben. Weil, ich will nicht, dass wir gehen. Ich will uns, heute Nacht, an diesem Tisch.

Du bist nicht müde, sagst du. Ich stehe noch immer da, zum Gehen bereit.
Mein Herz pocht und rast, mein Blut strömt, mein Atem stockt:
Ich will nicht gehen. Nicht hier, nicht jetzt, nicht in dieser Nacht. Ich will dir süße Träume wünschen und hoffe dabei, dass du mich festhältst. Mich bittest, noch eine Weile zu bleiben.
Hier, jetzt, heute Nacht, zusammen an diesem Tisch.

Ich will nicht, dass du gehst. Ich will nicht, dass wir gehen. Ich will, dass du bleibst, dass wir bleiben.
Wir sind gefangen in diesem Moment; du sitzend am Tisch, ich stehend mit dem Mantel in der Hand, Schweigen.
Wirst du was sagen?

Ich durchbreche den Moment und gehe langsam auf die Tür zu. Ich öffne sie. Drehe mich um.
"Schlaf gut.", und legst deine Arme um mich.
Ich will nicht, dass du gehst. Ich will, dass du bleibst. 
Wir lösen uns. Schauen uns an. Ich trete einen Schritt über die Türschwelle. Schaue dich an.
Erneut legst du deine Arme um mich.
Ich will nicht gehen. Nicht jetzt, nicht hier, nicht in dieser Nacht.

Unsere Blicke gegeneinander. Ich durchbreche den Moment, schlage meinen Kopf nieder. Und gehe langsam aber sicher die Treppen hinunter, lasse dich zurück.

Alleine an dem Tisch.

Donnerstag, 21. November 2019

Was denkst du?

Als du da standest, gestern Nacht, im Rahmen des Fensters;
hast du dich stillschweigend gefragt, ob ich da bin? Eine Zigarette rauche?
Hättest du dich zu mir gesetzt?
Hast du zu meinem Fenster geschaut, als du hinausblicktest? Ob da Licht brennt, ob da wer ist? Ob ich da bin?
Oder habe ich mir das alles eingebildet, als ich meiner Freundin über die Schulter zu deinem Fenster hoch spähte? Dass du runterschaust, zu uns?
Welche Gedanken gingen dir durch den Kopf? Oder hast du an Nichts gedacht? Hast du dir nur deine Wasserflasche mit Sprudel befüllt, da am Fenstersims?

Ist es die Kälte der Jahreszeit, die Dunkelheit, die viele Arbeit, das Studium, dass du das Gelände meidest? Lieber oben in der Küche, in deinem sechsfenstrigen Zimmer bleibst?

Ich ziehe die Vorhänge zu. Schaue auf mein Bett. Ich bin müde, aber kann nicht schlafen. Bin nervös, unruhig; so viele Gedanken in meinem Kopf. Ich zieh meinen Mantel über, kralle den Schlüsselbund, schlüpfe in die Slippers, ziehe die Tür hinter mir zu.
Ich überquere das Gelände, lehne an die Mauer schräg unter deinem Fenster. Rasende Gedanken. Ich entzünde das Feuer, entflamme den Tabak.
Ich ziehe, atme tief, puste aus. Es ist nach Mitternacht.
Was hat sich geändert? Ich öffne unsere Nachrichten, scrolle hoch und hoch und hoch.
Da. 00:38 Uhr, der fünfte August 2018. Ob ich da bin, schriebst du. Ob wir was trinken. Rauchen. Reden. Lachen. Bis zwei, drei, vier Uhr nachts.
Ich betrachte das Glühen der zur Hälfte abgebrannten Kippe.
Vielleicht ist sie beschäftigt. Vielleicht hat sie viel zu tun. Vielleicht hat sie auch einfach keine Lust zu reden; geht doch allen so.

So viele Fragen in meinem Kopf. So viel Ungewissheit. So viel Denken und Nachdenken über das, was du tust, was du sagst, was du schreibst. Der angespannte Blick, die knappen Worte, das Seufzen. Das Lächeln, das Schimmern in deinen Augen. Jenen Abend, als du mich gar nicht umarmtest. Und denjenigen, als die Umarmung einen Ticken zu lang war.

So viele Fragen, so viele Widersprüche.
Und trotzdem. Keine meiner Fragen kriege ich über die Lippen.
Und so bleibt es beim Interpretieren, Analysieren, Synthetisieren, Dramatisieren, Banalisieren, beim Über-den-Haufen-werfen.
So bleibt es beim Sprechen zwischen den Worten.