Mittwoch, 8. April 2020

Pandemie #5

Fünfte Woche Home Office (bzw. auch heute wieder mal alleine im Lab). Wenige Tage vor Ostern. Schönstes Frühlingswetter bei über 20 Grad Celsius.

Heutige Alltagsstrapazen:
  1. Die gestrig eingespielten Dateien enthalten einen Fehler. Die Software behandelt zwei wesentliche Spalten gerade invers. 
  2. Fehler gefunden, Dateien (12 Stück) einzeln gelöscht. 
  3. In Software die Importvorlage geändert. 
  4. Gemerkt, dass in einer Datengruppe manuell gepfuscht wurde und ich die richtige Version soeben gelöscht habe.
  5. Beginne, nochmal manuell zu berichtigen.
  6. Merke, dass das zu lange dauert.
  7. Gehe in den Quelldatenserver. Dafür muss ich erst in die Passwortliste und das Passwort kopieren und anschließend in dem zugehörigen Slack-Channel Bescheid geben, dass ich den Server nutze. 
  8. Exportiere die betroffene Datengruppe komplett neu.
  9. Zurück auf Slack um mich "abzumelden".
  10. Gehe in den Zielserver.
  11. Beim Import ebendieser Datengruppe bemerke ich, dass ich das falsche Format exportiert hatte.
  12. Beginne mit manueller Anpassung. 
  13. Realisiere erneut, dass dies vergeudete Zeit ist.
  14. Zurück in den Quelldatenserver. Erneute Anmeldung. Das Passwort ist noch in der Zwischenablage gesichert. Yay.
  15. Nochmaliger Export; diesmal in Slow Motion, damit ja alles stimmt.
  16. Kopiere die Daten in den dafür angelegten Ordner.
  17. Räume bei dieser Gelegenheit gleich den Dateiordner etwas auf.
  18. Rechtsklick "kopieren", zurück auf Desktop, Rechtsklick "einfügen".
  19. " ", in Zielserver, " ".
  20. Sehe, dass meine Aufräumarbeiten im Ordner nicht übernommen wurden.
  21. Wiederhole Schritt 18. & 19.
  22. " "
  23. Merke, dass ich die Dateinamen ändern muss, damit es mir den Ordner nicht unschön überschreibt.
  24. Ändere den Ordnername.
  25. Merke, dass ich direkt vom Quell- in den Zielserver kopieren und den Desktop auslassen kann.
  26. Kopiere Ordner.
  27. Lösche den alten.
  28. Sauber.
  29. Beginne mit Import der korrigierten Dateien.
  30. Nach 6 Importen endlich fertig.
  31. Nerven: kurz vorm Reissen.


Samstag, 28. März 2020

Pandemie #4

Drei Wochen im Home Office. Zwei Wochen geschlossene Schulen und allem, was nichts mit Grundversorgung zu tun hat.

Auch diese Woche bin ich dreimal ins Büro gefahren. Am Donnerstag traf ich überraschend auf drei weitere Arbeitskollegen*, die wohl auch einen Tapetenwechsel nötig hatten. Es war auf jeden Fall der erfrischendste Arbeitstag seit langem.

Ich am Anfang so:
Vor dem Fenster stehend: OMG die ganze Luft ist verseucht, ich kann nicht mehr raus!
Bevor ich einen Laden betrat: *fffuuuuuuuuh* tief einatmen und Luft anhalten!
Badroutine: Hände waschen. Hände desinfizieren. Zähne putzen. Hände waschen. Gesicht spülen. Maske raufklatschen. Wieder Hände waschen, wegen Maskenschleim. Oh, da steht das Desinfektionsmittel; why not. 20 Minuten später. Maske abwaschen. Hände waschen. Mit Mundspülung gurgeln. Repeat every two hours.

Meine Laune ist seitdem viel besser geworden. Ich gehe raus, mache kleine Radtouren in den Plätnerwald oder um den Oranke- und Obersee. Und das Allerbeste: Ich habe einen Ping-Pong-Buddy gefunden.

Lasst die Spiele beginnnen.



Mittwoch, 25. März 2020

Pandemie #3

Nach drei Zahnputzrunden innerhalb sechs Stunden und mit der zweiten Gesichtsmaske eingereibt liege ich mit dem Arbeitslaptop auf meiner Yogamatte, für die ich so manche Verwendung außer Yoga habe. Und auf der Matte, weil ich noch mitten im Einrichtungsprozess meiner Wohnung stecke und noch keinen ordentlichen Stuhl besitze, auf dem ich es länger als 30 Minuten aushalte.

Heute habe ich es bereits übertrieben mit Hygienemaßnahmen. Und in den verbleibenden Stunden des Tages werden noch zwei weitere Zahnwäschen, vier Gurgelrunden und ein paar weitere Gesichtsmasken dazukommen.

Ich hoffe auf Besserung.

Freitag, 20. März 2020

Pandemie #2

Tag 16 seit meinem Leipzig-Trip; Tag 11 nach der Home-Office-Verordnung; Tag 4 seitdem öffentliche Einrichtungen geschlossen wurden.

Das Konzert in Leipzig scheint Monate zurückzuliegen. Ich habe das Gefühl, eine Ewigkeit keine Menschen mehr gesehen zu haben. Dabei war ich in der vergangenen Woche nur 2 von 5 Tagen im Home Office, trotz Verordnung, und habe zwei bekannte Gesichter getroffen. Und auch diese Woche waren es "bloß" 3 Zuhause-Tage.

Öffis werden jetzt komplett gemieden. Die Inliner, die ich mir neulich besorgt hatte, um ein bisschen spaßige Bewegung und frische Luft zu bekommen, entpuppten sich als eine große Enttäuschung, da ich beinahe knallhart zu Boden geworfen wurde, sobald ich die Dinger angeschnallt hatte. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass die Beschaffenheit der Roller das Problem sind, nicht etwa das von sich selbst überzeugte Motor- und Balanciergetriebe.

Mit einem befreundeten Nachbar traf ich mich distanziert auf dem Hof - wir zogen die Stühle auseinander und mussten dabei unweigerlich lachen. Es war schon nach Mitternacht.
Mein Zeitgefühl hat sich deutlich verzogen. Und mein Schlafrhythmus ist auch aus dem Takt geraten. Zwischen 4 und 6 Uhr in der Früh erwache ich aus dem Schlaf und fühle mich ausgeschlafen. Ich liege ein paar Stunden wach und bin dann zwischen 7 und 8 Uhr morgens so müde, dass ich in einen Tiefschlaf falle. Nicht günstig.

Heute habe ich mich dann doch entschlossen, einen Spaziergang mit einem Freund zu unternehmen. Ich bin dafür ein paar Kieze mit dem Fahrrad nach Mitte gefahren, wo wir mit unseren Getränken vom Späti eine alleinstehende Bank gesucht haben. Kurz nach 21:00 Uhr mussten wir uns zwangsläufig verabschieden, weil mich eine der wenigen Take-Away´s, die noch offen haben dürfen, nicht auf Klo lassen wollten (durften). Als ich zu Hause angekommen bin, war ich nass.
Vom Schwitzen, selbstverständlich. Trotz hart-an-der-Grenze-aushaltbarem Harndrang habe ich´s noch beim Supermarkt an der Ecke vorbeigeschafft. Dort wurden jetzt grosse Plastikscheiben vor die Kassen gebaut.

Dienstag, 17. März 2020

Pandemie #1

"Verrückte Zeit", schlussfolgern ich und meine Gegenüber mehrmals täglich im Gespräch.

Ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen befinden uns in der zweiten Woche Home Office. Am vergangenen Montag, dem 09. März, flog erst ein Gerücht durch die Büroräume, bis dann die offizielle Mail kam und uns für die laufende Woche vorerst in die eigenen Wände verwies.

Ich noch so: Haha.
Chef: Was "Haha"?
Ich: Nice Joke.
Chef: Was? Nee, das meinen wir ernst. Empfehlung der Behörden.
Ich zuhause: *tippt "Corona" bei Ecosia ein*

Das ist nur 8 Tage her. Mittlerweile sind Schulen und Kitas geschlossen, die Ringbahntüren öffnen sich automatisch, damit man nicht auf den Knopf drücken muss; Clubs und Bars sind schlummernde Nichtbetriebsstätten, Cafés müssen nach 18 Uhr zugesperrt werden und die Supermarkt-Regale sehen so aus, wie ich es nur zweimal in meinem Leben gesehen habe: bei meinem Besuch in dem damals noch mehr oder minder kommunistischen Kuba vor 10 Jahren, und in unserer eigenen Filiale, weil wir unsere internen Lieferfrequenzen noch nicht so im Griff hatten.
Klopapier ist verschwunden. Auch bei den Konserven sind riesige Lücken. Beim Obst und Gemüse ist die Farbenvielfalt geschrumpft. Seife habe ich auch länger nicht mehr gesehen.
In der Bahn sitzt pro Vierersitz eine Person. Wenn bereits zu viele drin sind, wird auf die nächste Bahn gewartet.
Im Kino musste ich Name und Mailadresse hinterlassen, für den Fall der Fälle. Jetzt ist es auch (mindestens) die kommenden fünf Wochen zu. Im Supermarkt vorhin habe ich zum ersten Mal Menschen mit Mundschutz gesehen, die keine Asiaten waren.

Mein Kaffeedate für morgen werde ich sausen lassen. Diese Simulation hat mir den Rest gegeben. Und weil ich jetzt schon weiss, dass ich es keine 24 Stunden in geschlossenen Räumen durchhalte - was auch alles andere als gesund ist - wird es kleinere Fahrradtouren geben. Oder eine Runde im Park. Ich mit mir und selbst.


Freitag, 14. Februar 2020

Grüntee.

Im indischen Restaurant.

« Was möchten trinken? »
« Ein Glas Rotwein, gerne. »
« Sie? »
« Eeehhh. Hmm. Ehh. Ich bin oké. »
« Grüntee? »
« Ja, genau das. »

Freitag, 17. Januar 2020

Gedanken zerdenken

Oft habe ich gesagt bekommen, dass ich eine sogenannte analytische Denkerin bin. Das waren Momente, wo Selbst- und Fremdwahrnehmung den Spagat machten, weil "analytisch" assoziativ mit der mathematischen Analysis verbunden ist. Und als matheaffin hätte ich mich nun wirklich nicht bezeichnet.

Aber item: analytisch Denken definiere ich für mich so, dass Sachverhalte auseinandergenommen werden, Einheiten in Mehrheiten gespalten werden - Vermehrung von Dingen, so gesehen. Normalerweise gehört zu analytischen Denkskills auch, dass man diese Details dann sinnvoll verknüpfen und problemlösungsorientiert verarbeiten kann.

Bei mir passiert eher sowas: Einheit zerteilen, Mehrheiten auf die Goldwage legen, diese Mehrheiten dann beliebigfach zu neuen Einheiten zusammenbauen, die allesamt eine komplett andere Deutung haben und eventuell sehr fern der ursprünglichen und gemeinten Aussage liegen.
Einfach ausgedrückt: Gedanken zerdenken. Hyperinterpretieren. Simples verkomplexieren.

Da standen einmal drei Punkte am Satzende einer WhatsApp-Nachricht, die mich vom Realitätsboden weggehauen haben. Was will er mir damit sagen? WARUM DIESE DREI PUNKTE?!!?! Da muss was Schlimmes hinterstecken. Darauf antworte ich nicht. Ich melde mich nicht mehr. Ciao.
Na, vielleicht nicht so dramatisch. Wobei. Doch. Passt.

Die Pointe soll sein: wer gut zerhacken kann, aber eine Banause im Zusammenbauen und Sinn bilden ist, sollte manchmal lieber die Finger vom Analysieren lassen. Darin übe ich mich derzeit.

Donnerstag, 9. Januar 2020

Die Flamme.

Vor ein paar Wochen habe ich, aus einem puren nächtlichen, vielleicht etwas alkoholisierten und emotionalen Rausch heraus, Tinder auf meinem Smartphone installiert.
Damit wir - meine Freundin und ich - effizienter die Biographien der Tindermenschen nach Floskeln durchforsten können, die einen Lachkrampf zur Folge haben.

Irgendwie ist es passiert, dass ich auf einen Typen, der mich anschrieb, reagiert habe. Weil er irgendwie gute Worte verwendet hat. Und ich es - vielleicht schon aus Höflichkeit - für angemessen fand, darauf mindestens zu antworten. 
Wie es dann dazu gekommen ist, dass ich nach fünf Tagen dieses Tinderding wieder löschte, ihm jedoch meine Nummer hinterließ, verstehe ich selber nicht so ganz. Was hatte ich mir dabei gedacht? Naiv geglaubt, dass sich dieser Kontakt nach ein paar Nachrichten sowieso in den Sand verebbt.
Ein Treffen war für mich von vornherein ausgeschlossen: weil beim Anblick von Fotos die Fantasie der Menschen aufblüht, man sich ein imaginär reales Bild dieser Person macht - ob man will oder nicht - und am Ende enttäuscht wird. Bei meiner eingeknickten Selbstachtung meines Äußeren ist nur verständlich, dass ich mich nicht freiwillig in eine Situation begebe, meinen Körper beurteilen zu lassen und dann in den Wind geschossen zu werden. Weil: Das. Geht. Direkt. Ins. Herz.
"Come on, sei nicht so ne Dramaqueen", sagen mir Freunde. Aber ach. Ich weiss, dass mich das nicht kalt lassen wird, wenn ich Erwartungen nicht entsprechen kann. Und da in solchen Situationen wie Tinder ohnehin auf der Hand liegt, dass man höchstwahrscheinlich nicht dem entspricht, was der andere erhofft - Ciao ciao, Baby. 

Und trotzdem hielt sich der Kontakt auf einem ein- bis zweitägigen Rhythmus. Und ich anfing, den Fremden am anderen Ende des Netzes zu mögen. Weil er über persönliche Dinge berichtete, die nicht einfach durch mich durchzogen wie ein Windstoß. Und ich mir Gedanken machte. Und die Person auf irgendeine absurde Weise auch kennenlernte.

Meine Zweifel und Ängste begannen an die Oberfläche zu dringen. Dass ich die Person eigentlich sehen will, es aber nicht kann, weil ich weiss, nicht dem zu entsprechen, was er sich wahrscheinlich ausmalt. Weil ich weiss, dass unter Nervosität nur Blech oder Nichts aus meinem Mund kommt. Ich weiss, dass ich die Person bereits einen Ticken zu sehr mag und mich bereits zu sehr entblößt und verwundbar gemacht habe. 

Als ich ihn dann das erste Mal - super spontan - traf, wusste ich nicht, wie es mir geht. Er war anders. Anders. Natürlich. Ob er mir gefällt? Unsicher. Wahrscheinlich hätte ich ihn unter anderen Umständen nicht wahrgenommen. Nur hatte ich zu dem Innenleben dieser Person bereits zu viele Informationen, als dass sein Äußeres diese Position noch ändern würde. Welche Art der Gefühle das sind, war bis dahin eigentlich völlig offen. Mal jede Romantik und sexuelle Anziehung weggelassen: mit seinem Inneren habe ich mich bereits auseinandergesetzt und auf einer puren allumfänglichen Ebene schätzen gelernt.
Nach dem Treffen bereitete sich ein großes Unbehagen in meiner Magengrube aus: wir sind doch an komplett anderen Standpunkten. Er, der solche Dates schon in rauer Menge erlebt hat und höchstwahrscheinlich zu einem Grade abgestumpft ist, als dass ihn das gefühlsmäßig irgendwie tangieren würde. Er, der sich problemlos mit Fremden treffen kann, ohne dass ihn das auf irgendeine Art trifft. Und zum nächsten Date übergeht. Wahrscheinlich ist seine Erwartungsgrenze bereits relativ hoch gesetzt, da er sich bei jedem Mal sagen kann: ach, es gibt noch 1000 andere, die besser sind. 

Als er mir vier Tage danach eine Sprachnachricht schickte, war ich zu 200% überzeugt, dass er mir gerade sagen wird, was ich bereits fühle: Erwartungen nicht erfüllt. Passt nicht. Sorry. Ciao. 
Ich konnte und wollte mir das nicht anhören, weil ich es auf menschlicher Ebene irgendwie scheisse fand, sich das per derartigen Medien zu kommunizieren. Ob er kurz reden kann, schrieb ich.
Seine Antwort war verwirrend. Einerseits stand da "Kinoeinladung". Andererseits stand da "Dringend? Lange?", was diese gefühlte Kühle und Genugtuung, die ich an ihm wahrgenommen habe, bestätigte. Mir war´s nicht mehr nach reden und schrieb, dass wir das lieber vertagen. 
Und dann rief er an. Ich stammelte. Und fühlte mich in eine Position geworfen, in der ich nie sein wollte. Meine Anspannung, Verwirrtheit und wahrscheinlich auch Angst waren unüberhörbar. Ich hätte ihm eigentlich sagen wollen, dass ich das einfach noch sauber und korrekt abschließen will. So für die Psyche. Wegen emotionaler Nähe und so. 
Stattdessen schnitt er kurz an, dass er mich mit ins Kino einladen wollte. Und ich - ohne nachzudenken - gestand, dass ich dachte, er wolle mir da sagen, dass er mich nicht mehr sehen will. 
Trotz des Inhaltes des Gespräches und der Sprachnachricht, die ich mir danach anhörte, klang er gereizt, genervt, distanziert. Das passte einfach alles nicht zusammen. 

Paradebeispiel einer Situation, wo das Schwarz-auf-Weiss-Geschriebene nicht dem Unausgesprochenen, aber deutlich wahrnehmbaren entspricht. Ein Tag später dann eine sehr lange Nachricht seinerseits: 
Dass ihm nicht gefallen hat, wie angespannt ich am Telefon war.
Dass er daraus schließt, dass ich emotional mehr involviert bin als er. 
Dass es bei ihm nicht so gefunkt hat, aber nichts gegen ein zweites Treffen gesprochen hätte.
Dass es aus obigem Grund aber so keine Grundlage mehr gibt. 
Dass wir dennoch reden können. Oder auch nicht.
(Ist ihm wohl egal.)

Ich las die Zeilen auf dem Weg zur Arbeit. Und - typisch ich - ärgerte mich, dass der Mensch es zu wagen glaubt, dass ich ihn mehr mag, als er mich. Beziehungsweise, dass er mir gefallen hat, aber nicht umgekehrt. Hat er mir gefallen? Ehrlich? Nein. Ja. Und nein. Vielleicht. Ich weiss es nicht. Aber das Innere macht manchmal auch das Äußere.
Oh. Große Worte. 
Der Ärger machte dann dem Versöhnlichen platzt, da seine Worte und sein Handeln eigentlich mehr als korrekt waren.

Ja, lass mal reden.
Keine Ahnung, was ich eigentlich zu sagen habe. Ist eigentlich ohnehin erledigt. Whatever.
Ich wünschte, niemals auf die ersten Nachrichten geantwortet zu haben. Hätte ich das nur geahnt. Denn weh tut´s trotzdem. 

Mittwoch, 8. Januar 2020

Alltagsstrapazen.

Thematisieren wir bitte mal den äußerst unangenehmen Umstand, wenn der Tampon unzureichend tief oder schief eingeführt wurde und jeder Schritt sich anfühlt, als hänge da ein zweifelsfrei falsch platzierter Mikropenis, dessen gefühlte Präsenz nicht nur ein peinliches Unwohlsein hervorruft, sondern im schlimmsten Fall juckt, brennt oder hinauszufallen droht.

Alltagsfreuden.


Sonntag, 5. Januar 2020

Heimat - Teil 2

Wie ich meine beiden Taschen auf den Parkettboden des zum Gästezimmer umfunktionierten Arbeitszimmer fallen lasse, erfahre ich einen Moment des Bewusstwerdens: Ich bin ein Gast. Zum ersten Mal werde ich hier in dieser Stadt, in der ich über 22 Jahre gelebt habe, in der Wohnung meines besten Freundes nicht aufstehen und sagen: "So, ich bin müde. Ich schwing mich aufs Velo. Bis morgen." Da steht kein Fahrrad, dessen Schloss ich (auf rechtem Wege) öffnen könnte;
kein Bus und kein Tram, die mich in ein Eigenheim fahren würden.

Ich fühle mich wie... wie die Tante aus Marokko. Und sie kommt auf zwei Kamelen wenn sie kommt, hopp hopp; und wir trinken eine Cola wenn sie kommt, gluck gluck; und wir rauchen eine Kippe wenn sie kommt, paff paff...
Die Eine, die in der Fremde wohnt und richtig gefeiert wird, wenn sie zu Besuch kommt.
Es fühlt sich alles andere als schlecht an, dass es hier keinen Ort mehr gibt, an dem mein Name an der Klingel steht. Aber das Bewusstwerden dessen ist dennoch ein sonderbares Gefühl.

In der Dunkelheit der Novembernacht machen wir einen Spaziergang am Rheinufer. Und können in Zweisamkeit endlich über all die Dinge sprechen, die am Telefon oder in Anwesenheit Dritter einfach nicht beredbar sind. Und wie es auch bei manchen Ferngesprächen war, so ummantelt mich eine unbehagliche, dumpfe innere Stimme: Es gibt Menschen, die dich in ihrer Nähe haben wollen... Du hast ihn zurückgelassen.
Auf einmal sitzen wir da, Schulter an Schulter, und lassen wortlos Tränen auf den kalten Steinboden des Rheinufers tropfen.

Freitag, 27. Dezember 2019

Heimat - Teil 1

Sechshundertdreiundsechzig Tage später. 21:07 Uhr, Bus Nummer 50 Richtung SBB.
Der dunkle Teerboden glänzt von der Nässe des Regens.
Das Baseldeutsch erscheint mir gleichsam fremd und vertraut. Ich bin entsetzt über die sechs Franken, welche die BVB für die Busfahrt fordert. Das muss ein Fehler sein. Ich stehe verdattert vor dem grünen Kasten. Ein Herr bietet mir seine Hilfe an.
"Ich muss Richtung Badischer Bahnhof. Kann das sein, das ist so teuer?", frage ich auf Deutsch. Es kam automatisch so aus meinem Mundwerk.
Ich lasse mich ein auf das Touristenspielchen und amüsiere mich.
Tatsächlich, kein Irrtum: die städtischen Verkehrsbetriebe verlangen unverschämte 6,50 CHF für die Fahrt zu meinem Zielort. Das ist die Hälfte von dem, was ich für meine gesamte Hinreise bezahlt hatte! Was in den Jahren passiert ist. BVB-Inflation.

Ich bedanke mich bei dem Herren, der sich große Mühe gab und wahrscheinlich, vermute ich, es ganz lässig fand, mal sein gar nicht so schlechtes Hochdeutsch über Lippen und Zunge gleiten zu lassen.
Nicht, dass ich es den Eidgenösslern anhängen will, pauschal schlecht in der Hochversion zu reden; aber sind wir mal ehrlich: kaum jemand kriegt den Dialekt aus Sprechton und -rhythmus weg. Mich eingeschlossen. Aber immerhin werde ich inzwischen nicht mehr als Helvetierin enttarnt; Süddeutschland - manchmal auch Österreich - wird oft getippt, darauf lässt sich aufbauen.

Der Bus rollt durch die dunklen, so vertrauten Straßen. Der Kannenfeldplatz, wo ich so oft als junger Teenager meine damals engste Freundin besucht habe, später verlagerte sich mein Lebensmittelpunkt in die Nähe und ich kreuzte den Platz, um im selbnamigen Park zu lesen, in der dahinterliegenden Straße in dem sonntags geöffneten Migros Partner Notfalleinkäufe zu tätigen, weil die am Platz liegende Tankstelle ein unbefriedigend kleines Sortiment anbot, oder meine nun benachbarte Cousine zum Brotbacken zu besuchen.
Wir erreichen den Bahnhof, wo ich mit aufgerissenen Augen um mich blickend aussteige: nicht etwa, weil mir etwas ins Auge gestochen ist - ich kenne unübertrieben jede Ecke dieses Knotenpunktes -, ich mich aber auf einmal von Blicken unter Beschuss fühle. Ausgestellt wie ein Reh auf einer Lichtung, oder ein Waggis, der an einem Samstag im Hochsommer durch die Freienstraße läuft.
Hier könnte man potentiell jeden und jede treffen: Gundeli-, Neubad- und Bruderholzbewohner auf dem Weg zum oder vom Stadtinneren, die Baselbieter und grundsätzlich alle, die es vor 20:00 Uhr nicht zum Einkaufen geschafft haben. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass ich früher mal in der Gegend gelebt habe - als ich am Barfüßerplatz einfahre, glaube ich in jedem dritten Gesicht eine*n Bekannte*n zu sehen.
Als ich im Kleinbasel beim Messeplatz aussteige, habe ich jedoch nur zwei vertraute Gesichter gesichtet: mein bester Freund mit seinem Freund, die im Dunkeln mit hochgezogener Kapuze auf mich warten.

Samstag, 21. Dezember 2019

F - Ich bin okay. Ich bin okay! Ich bin okay?

Die letzten Tage dachte ich fast, es sei okay. Ich sei okay. Nur ein paar mal geweint, und dann nur alleine abends. 

Ich dachte schon, ich fühle nichts.
Und dann ein kleines Ereignis, das mein bildhaftes Gedankengut zum laufen bringt. Du mit ihr.
Die wunden Stellen geben ein Lebenszeichen. Und es brennt wie Hölle.

Zugeschüttet hab ich sie; mein Mechanismus, den ich langsam verstehe, baut Mauern um mein inneres Selbst. Gefühlstaub und leicht fühlt sich das an. 

Aber es ist eine Lüge. Eine gute, mich liebevolle umarmende und behütende Lüge. Weil mich die Wahrheit von innen zerfrisst.

Ich vermisse dich. Dich und uns, wie wir waren. 
Und zerbreche an dir im Jetzt.

Freitag, 6. Dezember 2019

E - Vermissen.

Dieser Sommer. Alles, was war. So schnell, so überraschend, so intensiv. War das alles nichts für dich? War ich dein Trostbier, womit du dir deine Einsamkeit weggesoffen hast?
Wenn du wüsstest, wie oft ich mich "warum" gefragt habe - warum du aufgetaucht bist, sobald ich da war. Warum du mir schriebst. Warum wir uns so oft sahen. Jeden zweiten, dritten Tag bei dir in diesen Sommernächten. Warum?

Ich, die sowas von dicke auf ihr Mundwerk gefallen ist. Der es in deiner Nähe den  Atem und die Sprache verschlagen hat. Krampfhaft versucht hat, sich zu beruhigen und zu ihrem natürlichen Humor und gewohnter kommunikativer Sicherheit zurückzufinden. Die in  deiner Gegenwart zu ihrem vierzehnjähriges Selbst geworden ist. Und ich mich jedesmal Ohrfeigen wollte. Wo war meine große Klappe geblieben? Mein ausserordentliches Faible, selbst aus oberflächlich Unlustigem die Spaßigkeit hervorzukitzeln?
Ja, ich verstehe. Dass das nicht genügt hat. Und ich dich sehe, jetzt, mit einer Person, die dir gut tun wird. Witzig, klug, bodenständig, direkt und absolut nicht auf die Schnauze gefallen. Absolut authentisch, selbstsicher
.
Und. das. tut. weh. So weh. Denn innerlich weiss ich: ich bin so viel mehr. Ich bin nicht gedankenlos, stumpf, bider, geistlos. Oh. Ich fühle mich innerlich gefangen. In mir selbst.
Und dann. Dann kommt die Wut. Verdammter Kackspasst! Warum behandelst du mich wie ein zimperlich, feinhäutiges und reissbares Tachentuch, das du nach dem Schnoddern rücklings in deinen Papierkorb rechts neben deiner Zimmertür schleuderst (By the way: du triffst sowieso nicht!!!)? Dass du es wagst, mich als das Opfer darzustellen - "Oh, vielleicht sollte ich es dir mal mitteilen, dass du leider nicht mehr bist für mich". Auf was für einem langbeinigen Muskelhengst sitzt du bitte, dass du es wagst, auch nur anzunehmen, dass ich mehr für dich empfinde? Und mich als den armen dritten Schuh hinstellst, den du jetzt schnell wegschmeissen musst? Bist du komplett bescheuert?
Du findest dich ziemlich gut, gell? Aber so richtig? So richtig, richtig? Darf ich Sie daran erinnern, dass SIE sich immer gemeldet haben? SIE, verdammt nochmal, SIE, Herr Marlowsky?!

Da kommt keine Flüssigkeit mehr aus meinen Augen. Ich glaube, es ist leer. Ich fühl mich taub. Ein pulsierendes, dumpfes Schmerzgefühl, wie nach einem schweren Aufprall. Ich will nur schlafen. Abschalten. Meine Augen brennen. Mein Herz pocht viel zu schnell, als dass ich in den Schlaf hinweg driften könnte. So viele Bilder schweben durch mein Bewusstseinsstübchen. All die Worte. Die Worte... und jagen mir bei jedem Erinnern einen Stromschlag durch meine Körpermitte. Stunden liege ich so da. Wie ein Albtraum, aus dem ich nicht aufwachen kann. Ich versuche, mir süße Lügengeschichten in den Kopf zu prägen. Vielleicht hilft es.

Dieser Sommer.
Dieses Mal halt ich die Welt an und dreh die Zeit zurück.
Dieses Mal küsst du mich.
Ich drehe die Zeit zurück. Und dann küsst du mich.

Donnerstag, 5. Dezember 2019

DD - Messerstiche

[Fortsetzung zu D]

Unüberschaubar; diese schafsflauschige, dezent extravagante Jacke und die unnatürlich leuchtenden Haare. Sein Mitbewohner.

Ich rauche und starre megabusy auf das Handydisplay. Meine Ohren sind scharf auf die Schallquelle von dem Mitbewohner mit seiner Begleitung gelenkt. Ich schaue rüber. Er sieht mich.
Steht auf, grüßt mich überrascht. Ich strecke ihm mein Feuer hin.

Oh. Hast du mitgehört, lacht er. Perfekt, danke.
Ich setze mich zu ihnen. Reden darüber, wer ich bin, sie ist, woher ich und Herr Schafsjacke uns kennen, und so.

Und dann. Ich sehe, wie Schafsjacke seinen Kopf hebt und Richtung Treppe blickt.
Er ist hier. Begrüßt uns. Kniet sich neben uns. Begrüßt mich mit einem "Na" und Umarmung.
Geht links um uns herum, setzt sich links neben mich.

Sorry. Habe verpeilt, dass du ja heute hier bist, wegen Gästeliste.
Kein Ding.
Hättest mich nochmal erinnern können.
Wirklich, ist nicht wichtig. Kein Ding.
Ja, aber du kannst mich trotzdem in Zukunft erinnern.
Ja, ok. In Zukunft frag ich dich dann.
Danke übrigens für die Vorhänge.
Hatte ich ja versprochen.
Ich werde es aber wahrscheinlich erst nächste Woche schaffen, die aufzuhängen.
Du, das ist...
...Die Woche ist so voll bei mir, aber nächste Woche sollte ich das hinkriegen.
Hey, du kannst damit tun und lassen, was du willst. Sind deine.

Es fallen noch ein paar Floskeln. Das Konzert ist vorbei.
Ich suche meine Freundin. Finde sie. Große Freude. Vorstellung in der Runde.
Ob ich noch in ne Bar mit ihnen ziehe. Ist zu weit weg, finde ich.
Verabschiedung.

Ich bleibe im sich leerenden Konzertsaal. Und laufe ihr in die Arme.
Was tust du denn hier?
Ach. Ich hole den Herren ab, sagt sie und rammt mir ein Messer in die Brust.
Der Schmerz und die zerplatzten inneren Organe schneiden mir die Luft ab.
Ich lache und nicke, als sie mich auf ne Kippe fragt.
Nebeneinander sitzend rauchen und reden wir über Arbeit, Studium und Frauenärzte.
Und sonst so bei dir? Sie zuckt die Schultern.
Und sonst soooo?, sage ich mit einem auffällig breiten Grinsen.
Ich dachte, ihr habt geredet. Antwortet sie, und rammt mir ein zweites Messen in den Brustkorb.
Na, er hat nicht gesagt, wer´s ist; flöte ich unschuldig daher.

Wir plaudern weiter. Der Saal leert sich mehr und mehr. Er und der Bekannte räumen leere Bierflaschen in den Lagerraum. Aus den Augenwinkel bemerke ich seine Blicke, die unruhig zu uns beiden hinüber gleiten. Richtig so, keucht mein Inneres, triefend vom strömenden Blut, das die Kehle füllt. Sei unruhig. Fühl dich unwohl. Jawohl.

Irgendwann sitzen wir nur noch zu viert in dem leeren Club. In eine Kneipe wollen wir weiterziehen.
Draußen verabschiede ich mich.
Wie, du kommst nicht mit?, fragt der Bekannte.
Hm?, macht er.
Aber du wohnst doch auch in dieser Richtung, sagt der Bekannte.
Ja, aber ich gehe nicht nach Hause.
Ok.
Ok.
...Okay.

Verabschiedung.

Ich drehe mich um. Laufe die dunkle Straße entlang. Und das Wasser fließt mir aus den Lidern.
Im Bett wälze ich mich hin und her. Ich wimmere. Schluchze. Der Schlaf entzieht sich mir und ich werde fast verrückt.

Ich schlafe ein, getrieft in einer Lache aus Wasser und Blut.

D - Danach

Mucke an der Grenze zu Schrott dröhnt von der Bühne in dem kleinen Konzertclub. Ich will nur eine Freundin, die die Band echt feiert, besuchen, da sie eigentlich im nördlichen Ausland wohnt.
Vor dem Club bleib ich stehen. So viele Leute. Mir widerstrebt´s. An der Bar sehe ich durchs Fenster ein bekanntes Gesicht. Immerhin.

Ich atme ein, öffne die Tür.
Yo, Security Men. Yo, Dame an der Kasse. Sie fragt mich was. Ich antworte irgendwas. Sie sagt nochmal was. Ich auch.
Ah, English?
Yeah, sorry, better. Guestlist?
No, I don’t think I’m on the guestlist. Ich spüre ein Stich in meiner Brust. Do I still get in here somehow?
Yeah, sure. 19€.
Ich drücke ihr nen Zwanni in die Hand.
Do I get a stamp or something?
Nope.
So, will you remember me?, sage ich im Scherz.
Jetzt nicht mehr rausgehen, sagt der Security Guy.
Wie.
Drinne bleiben. Wir haben allet hier; Bier, Shots, oben kannste rauchen so viel du willst. Enjoy.
Ich heb den Daumen und laufe in die Masse.

Meine Freundin suche ich vergeblich. Ich sag dem Bekannten an der Bar hallo.
Er wirkt merkwürdig. Überrascht, mich zu sehen. Ich hab ein flaues Gefühl, überspiele es gekonnt. Als wäre nichts.
Es ist ja auch nichts.
Oder? Was weiß er?
Überhaupt: was zur Hölle ist gerade los?

Ich wandere eine Weile durch die Menge. Ich finde oben den Raucherbereich. Die Musik überfordert mich. Ich setze mich auf die Couch, drehe, zünde, rauche.
Meine Hand zittert. Flashbacks zum letzten Mal, als ich hier war. Kaum 5 Wochen her.
Und jetzt. Alles anders. Fragen über Fragen.
Was zur Hölle ist passiert?

Ich beschließe, oben zu bleiben und zu warten, bis die fertiggespielt haben. Ciao ciao, 19€.

Ein Typ setzt sich neben mich.
Darf ich mir eine von dir drehen?
Na klar.
Diese Sucht...
Ja, echt schlimm.
Darf man unten auch rauchen?
Ich glaube da bei der Bar, ja.
Na, die Kiffer kriegt man auch nimmer raus. Ich kann mir auf keiner Betriebsfeier eine drehen, da is man gleich abgestempelt.
Was? Wo arbeitest denn du, dass du das nicht auf ner Feier machen kannst?
Aufm Bau. Aber ne, die sind eigentlich voll locker. Aber irgendwie hat man dann gleich so´n schlechten Ruf. Hast du Feuer?
Klar.
Also, merci beaucoup.
De rien.
De rien?
Oué.
Je m’appelle Jean Mike.
Was?
Keine Ahnung, das is alles, was ich kann. Ciao.

Er verschwindet die Treppe nach unten.
Ich lächle und drehe mir ne zweite.
Kurze Zeit später:
Sorry, darf ich nochmal dein Feuer? Unten darf man doch nich rauchen.
Ah, na dann nur zu bestimmten Zeitpunkten.
Ja, ich soll ja sowieso nich rauchen.
Ahja, stimmt. Sollste nich.
Ne. Ah, was laber ich da wieder für ne Scheisse. Merci beaucoup!
Immer noch de rien.

Und weg isser.

Ich geh nach unten. Will zur Bar und mir nen Shot holen.
Scheisse. Da steht der Mensch an der Kasse. Und rechnet.
Ich flüchte in die Menge. Dränge mich an den anderen Rand des Saals.

Die Mucke überfordert mich.
Mein Trommelfell platzt. Nach einer Weile verziehe ich mich wieder nach oben. Anschleichende Paranoia. Was für ne Kacke.
Ich nehme weisse Sneakers wahr. Die kenne ich. Mir wird heiss. Ganz langsam hebe ich den Blick.
Ich atme innerlich tief aus. Nur der Typ von vorhin. Again.

Und dann sehe ich jemanden vorbeigehen. Unmerklich schiele ich hoch. Den kenne ich.

[to be continued]

Samstag, 30. November 2019

C - Selbstberuhigung

Die Stunden im Büro ziehen sich wie ein ausgeleiertes Gummiband in die Länge.

In meinem inneren spüre ich, wie sich Muskelgewebe zusammenzieht und wieder entspannt, worauf ein Schauer über meine Haut fliegt. Ein unangenehm, flaues Kontinuum aus Spannung, Loslassen und prickelndem Erschaudern. Mein Herz pocht für meinen Geschmack ein Müh zu schnelltaktisch.

Heute ist die Arbeit pure Ablenkung. Ich versuche, meinen Fokus auf die Zahlen in der Exceltabelle zu polen. Ich muss die letzten Stunden in vollen Zügen auskosten; die letzten Momente der Ungewissheit, die an sich eigentlich schon unerträglich zerrend sind.
Trotzdem: noch ist alles unausgesprochen, ungesagt, unberührt - und so irgendwie unwirklich. Oh, es ist so einfach, sich an einem winzigkleinen Krümel Hoffnung festzuhalten, auch wenn die Tatsachen mit überwältigendem Schwergewicht den Hoffnungskern zermalmen.

Hoffnung bleibt bis zuletzt. Ich klammer mich daran, sie nährt mich in diesen zerschmetternden Minuten. Lässt mich das allzu Offensichtliche, das hinter der Tür auf mich wartet, ausblenden.

Als ich nach Feierabend über die Türschwelle trete, umgibt mich ein unangenehmes Aufgebraustsein;  ich werfe Tasche und Schlüssel in eine Ecke und gehe zielgerichtet in die Küche, nehme determiniert, etwas grob und hastig ein kleines Glas und lasse den Rest Gewürztraminer hineinschwappen. Ich leere ihn in einem Zug.
Die Zeit vergeht schleppend. Um den inneren Gefühlsstau auszugleichen, rede ich mir die Lippen mit Herrn W. vom 3. Stock wund. Dann kommt E. dazu und zu dritt steigen wir die Kellertreppe hinab, bahnen uns geduckt den Weg durchs alte Steingewölbe bis zu der einen Tür, aus der Mucke, Rauch und Licht dringt.
F. und M. werkeln an einem Roller. Wir quetschen uns zusammen in den schmalen, voll gestopften Raum. M. baut, zündet an und reicht mir den Joint. Fuck it, denke ich, und ziehe.
Ich vergesse für einen Moment die Zeit. Herr W. ballert einen lustigen Satz nach dem anderen raus; wir schaukeln uns gegenseitig hoch, mein Bauch schmerzt von den Lachkrämpfen. Ich bin erschöpft. Es ist bereits nach elf Uhr abends. Muss auf Klo und verabschiede mich.

Bekifft und leicht angetrunken lege ich mich ins Bett zu meinem Mitbewohner. Ein Podcast läuft, er dämmert weg. Nach Mitternacht kommt eine Nachricht: muss morgen früh aufstehen, darf das Meeting nicht verpassen, hat Schiss, zu verpennen. Eine Nachricht nach der anderen folgt. Ich lache schallend auf. Wie ein kleines Kind, das rummstammelt und sich nicht traut, Klartext zu reden.
Auf einmal fühle ich mich superlässig, gechillt, völlig im Reinen und Rechten und verstehe nicht mehr, wo eigentlich das Problem liegt.

Ich vertage ohne Wimperzucken aufs Wochenende. Obwohl; auch da bin ich eigentlich ausgebucht. “Ich schau mal, ob ich da bin. Melde mich dann. Gut Nacht”, beende ich den Schreibdialog.

Mit federleichtem, vom Alkohol und Gras befreiten Kopf, schlafe ich ein.

Dienstag, 26. November 2019

B - Vor dem Sturm

Meine Brust zieht sich zusammen. Ein Ziehen, Spannen; dann ein Lösen gefolgt von einem Schauder, der über meinen Rücken gleitet.

« ... ich will mit dir sprechen, aber alleine»

Die Buchstaben leuchten tiefschwarz auf dem grellen Weiss des rechteckigen Bildschirms. Stechend brennen sich die Worte in meine Retina. Mir rauschen die Ohren vom pochenden Blutstrom.

Scheisse. Verdammt. Hilfe. Nein. Nein nein nein nein nein nein. Nein!

Im Geiste schüttle ich heftig und stur mit meinem Kopf.

Panik umarmt mich. Reflexartig tasten meine Gedanken nach Fluchtwegen. Auf einmal habe ich den Drang, mich mit M. zu verabreden. Und R., den wollte ich doch lange schonmal treffen.
Und was läuft eigentlich gerade im Theater? Oh, und das Museumsticket liegt auch noch unberührt auf dem Nachttisch.
Und mit J. endlich endlich mal unseren Moneypenny-Stammtisch abhalten.
Die Hose nähen. Das eine Buch fertiglesen und all diejenigen beginnen, die ich mit guten Absichten angeschafft und bedauerlicherweise direkt auf der Fensterbank verstauben lassen habe.
Wieder Japanisch lernen.
Zeichnen.
Mir ne Leinwand kaufen. Und Acrylfarbe.
Endlich zum Arzt wegen meinen Knien gehn.
Die Seminararbeit schreiben.
Der Geburtstag von Y am Samstag.
Und M. kommt zurück !!!!

Fluchtwege. Wo sind die verschissenen Hintertreppchen!?!

Ich sehe, wie der Schmerz sich in meiner nahen Zukunft auf den Weg stellt. Ich weiss, was kommen wird.
« Ich mag dich ja, aber nicht so. Deshalb können wir uns nicht mehr sehen » oder « es is mir zu viel, dieser Kontakt ». Ja. Selbst schuld, hättest halt nicht so oft schreiben müssen, dumme Kuh.

Auf keinen Fall will ich, dass er sich was einbildet. Den Triumph gönne ich Ihnen nicht, Mister.
Sollst dich bloß nicht zu geil fühlen, da oben.
Panik zerfliesst in Wut.
Ich werde den Teufel tun. Locker sein, wie immer, dir sagen, dass ich dein Verhalten nicht verstehe. Mich gefragt hab, ob was passiert ist. Oder ob ich was Falsches getan oder gesagt habe. Ich mir leider nur nicht erdenken kann, was es war.

Vielleicht beginnen wir ja mit Smalltalk. Dann erzähl ich dir, wie meine Reise war. Und warum es so anstrengend und gefühlsaufwühlend war; wie ich dir ja geschrieben hatte.
Dass ich da einen alten Freund wiedergetroffen hab. Viele alte Gefühle geweckt wurden, mich verwirrt haben. Dass es intensiv und schön und selbzeitig schmerzhaft war, meine alte, ewige Flamme wiederzusehen.
Über den ich noch immer nicht vollends hinweg bin.

So. Ja. « Alles nicht so einfach », werde ich seufzen. « So, worüber wolltest du mit mir sprechen? Ich finde wirklich, du benimmst dich seltsam die letzte Zeit... »

Tausend Szenarien halten mich vom Schlafen ab.

Als der Wecker morgens klingelt, fühle ich mich wie von einer Walze geplättet. Ich hab geschwollene Augen und Schatten bis zu den Wangen.
Robotisch kleide ich mich und fahre zur Arbeit.
Ich kann mich nur wage an die vergangene Nacht erinnern. Alles was bleibt ist: mein guter Kumpel will sich wieder mal aussprechen. Vielleicht hat er endlich mal ne heisse Schnitte kennengelernt. Ich grinse und kann es kaum erwarten, ihm von meinem alten Typen zu erzählen.